Gefährliche Fährte

17.07.2019
unfälle

Stimmungsmache mit Statistiken: Für die vermeintliche Gefährlichkeit des Fahrrads finden sich nur konstruierte und methodisch unsaubere Belege.
Lesedauer: 4 Minuten

Die Unfallstatistik für das Jahr 2018 erregt jubelnde Erschütterung im Blätterwald. Das Fahrrad sei das tödlichste Verkehrsmittel, kann der STERN endlich titeln. Die Zahl der Todesopfer auf dem Drahtesel sei gestiegen, die im Auto dagegen gesunken, begründet er seine massive Missinterpretation. Aus den Zahlen sprechen aber andere Befunde (Seite 103ff): Bei von Pkw verursachten Unfällen starben im Jahr 2018 insgesamt 1.510 Menschen. 546 Autofahrende verloren bei Alleinunfällen ihr Leben, 465 bei Unfällen mit Gegner, allerdings in den Verursacher-Pkw. Die töteten zusätzlich 499 Menschen außerhalb. Von den 281 von Radfahrenden verschuldeten Todesopfern brachten 120 in Alleinunfällen und 152 in Unfällen mit Gegnern sich selbst um, lediglich neun Unschuldige starben. Radfahrende kamen im Jahr 2018 auf nur 82 Prozent der Getöteten je verschuldetem Unfall und sogar nur auf 31 Prozent der Getöteten je Alleinunfall gegenüber dem Automobil. Dass das Fahrrad bei Getöteten je verschuldetem Unfall mit Gegnern bei 113 Prozent gegenüber dem Automobil liegt, zeigt nicht seine Gefährlichkeit, sondern seine Verletzlichkeit eindrucksvoll.

In allen Belangen sicherer

Um dem Automobil dennoch eine höhere Verkehrssicherheit nachweisen zu können, verfallen seine Fans gerne auf den Trick, die Unfallzahlen mit den gefahrenen Kilometern ins Verhältnis zu setzen und daraus die ›Unfalldistanzrate‹ zu berechnen. Das verkehrt aber die Debatte auf hinterhältige Weise. Der Quotient müsste sich stattdessen ›Unfallproduktivitätsrate‹ nennen. Denn darin drückt sich ein schäbiger, weil menschenverachtender Wettlauf aus: Wer erzielt pro Todesopfer mehr Kilometer? Die taugen als Maß für Mobilität allerdings nicht im Geringsten und machen den Verkehrssicherheitsvergleich zwischen Automobil einerseits und Fahrrad andererseits schlicht unfair: Mit dem Fahrrad lässt sich ein vergleichbarer Verkehrsaufwand gar nicht erst erzielen.

Alle anderen Quoten bescheinigen dem Fahrrad eine erheblich geringere Gefährlichkeit als dem Automobil. Je Stunde Unterwegszeit verunfallten zwei Prozent weniger und starben zwanzig Prozent weniger Menschen auf dem Fahrrad als im Automobil. Je zurückgelegtem Weg lag die Unfall- bzw. Todeswahrscheinlichkeit für Radfahrende zehn bzw. sechzehn Prozent unter denen der Autofahrenden. Je nutzender Person lagen die Unfall- bzw. die Todeswahrscheinlichkeit für Radfahrende 69 bzw. 74 Prozent unter denen von Pkw-Insassen. Sogar als schuldlose zweite Beteiligte am Unfall kamen Radfahrende im Jahr 2018 nur auf halb so viele Todesopfer je Unfall wie Autofahrende.

Der Autor

Johannes P. Reimann hält das Fahrrad für eine der am stärksten unterschätzten Innovationen der Neuzeit. Als Planer und Berater für Mobilität befasst er sich in der Hauptsache mit verkehrlichen Aspekten und will als Ergänzung hier auf 2oom! das Lebensgefühl Fahrrad zelebrieren.

  • Foto: PublicDomainPictures

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