Echokammer auf vier Rädern

13.09.2019
Weltbild

Das Auto formt uns zu Antidemokraten. Das Fahrrad könnte uns wieder zurückverwandeln — von den Idiotai zum Demos.
Lesedauer: 6 Minuten

Ludwig Cornelius Krach lächelt mitleidig. »SUV bilden gar nicht das Problem«, stellt er im Brustton der Überzeugung fest und sich selbst damit gegen eine neue Welle der Hysterie, die die Straßenpanzer am liebsten komplett verboten sähe. Sicherlich, als Ventil für ohnmächtigen Frust funktionierten sie hervorragend, so Krach; sämtliche Leitmedien stürzten sich derzeit dankbar auf das Thema. »Worin aber besteht der Unterschied zu jedem anderen Pkw?«, fragt Krach mit erhobenem Zeigefinger. Er legt eine bedeutungsschwangere Pause ein. »Ich werde es Ihnen sagen: Es gibt keinen.«

Physik, Psychologie und Neurobiologie

Krach rechnet vor: »Ein schweres Fahrzeug, beispielsweise ein Audi Q7, entwickelt mit Tempo 20 nicht einmal ein Drittel der Bewegungsenergie, die ein leichtes Fahrzeug, sagen wir der VW up!, bei Tempo 50 drauf hat. Kollidieren beide mit einem Fußgänger, der sich mit Marschtempo in dieselbe Richtung bewegt, könnte der sich im Falle des Q7 immerhin genauso gut von einem rund 36 Meter hohen Gebäude stürzen, im Falle des up! sogar von einem rund 114 Meter hohen Turm.« Wieder reckt Krach den Zeigefinger in die Höhe. Es käme nämlich in der Hauptsache auf die Geschwindigkeit an, nicht auf das Gewicht des Fahrzeugs. »Wenn wir also über Gefahren sprechen wollen, dann müssen wir über den gesamten Kraftverkehr reden.« Verkehrsunfälle verletzten oder töteten viel zu oft die Menschen außerhalb des Kraftfahrzeugs. Chronisch unterdiskutiert blieben allerdings die schädlichen Folgen für die Insassen selbst. »Wir alle kennen die haarsträubenden Schulweg-Zeichnungen von den kindlichen Opfern der Elterntaxis. Die Wahrheit ist: Jeder, der regelmäßig Auto fährt, unterwirft sich einer massiven Erlebnisarmut und schädigt damit seine Orientierungsfähigkeit nachhaltig — gerade auch Erwachsene.« Die Wissenschaft werde nicht müde zu betonen, wie wichtig etwa Tiefensensibilität, Gleichgewichtssinn und räumliches Sehen dafür seien, dass der Mensch sich zurechtfinden kann. Umgekehrt könne das menschliche Gehirn solche Informationen, die es nicht bekommt, eben nicht verarbeiten. Stattdessen reime es sich seine eigene Geschichte zusammen und erschaffe damit ein Weltbild, das immer weiter von der Realität abweiche. Wieder der Zeigefinger, diesmal direkt auf den Gesprächspartner gerichtet. »Und jetzt kommen Sie: Mit welchen Informationen wollen Sie denn diese drei Sinne oder auch Ihr Hirn als Ganzes füttern, solange Sie in einem rollenden Bunker aus Blech und Stahl sitzen? Ob der eine Tonne wiegt oder zwei, macht dabei überhaupt keinen Unterschied. Von Geräuschen, Gerüchen, Oberflächen unter der Sohle und Wind auf der Haut — also von allem, was das Leben lebenswert macht — habe ich da noch gar nicht gesprochen.«

Der Mann gerät zunehmend in Fahrt. »Ich bin ja weiß Gott nicht der erste, dem das auffällt. Schon Knoflacher spricht davon, dass Pkw-Insassen sich in einer völlig anderen Raum-Zeit-Dimension befänden.« Mehr noch: Das menschliche Gehirn habe sich im Laufe der Evolution überhaupt erst entwickelt, um Ortsveränderungen zu koordinieren und lasse sich deshalb auch nur im Kontext von Bewegung entschlüsseln. Dass Autofahrende bedauerlicherweise weder vor der Verletzung und Tötung ihrer Mitmenschen noch vor der Vernichtung ihrer eigenen Lebensgrundlagen Halt machten, zeige eindrücklich ihr völlig verzerrtes Gefühl für Raum, Zeit und Leben. So geschehe es offensichtlich, dass die übermächtige Präsenz des Automobils auf den Straßen aktuell sogar noch zunehme, und zwar im Gleichschritt mit dem Anwachsen der Kritik daran. Das könne dem ersten Anschein nach vielleicht überraschen, ließe sich, ist Krach überzeugt, aber durchaus ganz leicht erklären: »Wenn Sie erstens wissen, dass Menschen im Moment einer Bedrohungslage entweder direktes Lösungsverhalten zeigen oder mit einer symbolischen Abwehr ihre eigenen Betroffenheit leugnen können und wenn sie zweitens wissen, dass der gemeine Autofahrer eben an seiner eigenen Dimension hängt, die sich aber mit der Realität nur sehr mäßig deckt, dann halten Sie bereits alle Teile der Gleichung in der Hand.« Die wachsende Zahl an Zulassungen für SUV drücke ganz einfach den Versuch der symbolischen Realitätsverweigerung aus, zumal ja auch die Gesamtzahl der zugelassenen Pkw weiter steige. Der Politik komme das übrigens sehr gelegen, sie verhalte sich aktuell ganz bilderbuchartig nach dem Watzlawickschen ›Immer-Mehr-Teufelskreis‹: »Politiker gehören nun einmal zu der völlig fantasie- und ideenlosen Sorte Mensch, die stur an einer ein Mal gefundenen Lösung festhält, auch wenn diese unter neuen Umständen eben keine Probleme mehr löst, sondern ins Verderben führt.«

Keine Demokratie ohne menschliche Gesichter

Krach hält sämtliche Autofahrer zumindest tendenziell für Idioten. »Das meine ich gar nicht wertend. Ich beziehe mich stattdessen auf die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes ›idiotai‹: Er bezeichnet die Menschen, die sich aus den Angelegenheiten der Gemeinschaft heraushalten und nur ihre eigenen Interessen verfolgen — ganz im Gegensatz zum Demos, der Gesamtheit aller Bürgerinnen und Bürger, die Verantwortung auch für das Gemeinwesen übernehmen.« Wenn nun prominente Stimmen sich also klangvoll über Echoräume, Parallelwelten und Blasen aus Teilöffentlichkeiten sorgten, griffen ihre Analysen meist zu kurz. »Nicht erst die Sozialen Medien, sondern schon das Automobil fragmentiert und atomisiert uns voneinander, und zwar seit seiner Erfindung.« Übrigens mit Ansage: Als General Motors in den 1920er Jahren US-amerikanische Straßenbahnen in großem Stil aufkaufte, um sie zu verschrotten und damit dem Automobil die Straßen freizumachen, habe der Konzern sich als einer von vielen an der Öffentlichkeit vergangen, deren Fehlen heute so wortreich beklagt würde. Statt aber viele kleine Filterblasen durch eine große zu ersetzen, wie es beispielsweise der ARD-Intendant vorschlüge, müssten die Menschen endlich ermutigt und ertüchtigt werden, Gesicht zu zeigen und in einen fairen Wettbewerb um Interessen zu treten, ganz wie es das Prinzip der Demokratie vorsehe. Noch einmal Knoflacher: »Grundsätzlich ist Fairness nur unter Gleichen möglich. […] Radfahrer und Fußgänger haben keine Nummernschilder, sondern ein Gesicht. Da stellt sich die Fairness von selber ein.« Der Horizont von Menschen, die Fahrrad statt Auto führen, endete nun einmal nicht zwangsläufig an der Windschutzscheibe. »Glauben Sie mir: Ein paar Stunden mehr pro Woche im Fahrradsattel oder meinetwegen auch auf den eigenen Füßen machte nicht nur aus dem selbstverliebten Politiktheater unserer Tage eine co-kreative Gestaltungsbewegung, sondern aus uns allen auch viel bessere Demokraten.«

Der Autor

Johannes P. Reimann hält das Fahrrad für eine der am stärksten unterschätzten Innovationen der Neuzeit. Als Planer und Berater für Mobilität befasst er sich in der Hauptsache mit verkehrlichen Aspekten und will als Ergänzung hier auf 2oom! das Lebensgefühl Fahrrad zelebrieren.

  • Foto: Skitterfoto

  • Der Charakter Ludwig Cornelius Krach ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind nicht beabsichtigt.