2oom!

Die wahren Gelbwesten

08.02.2019
entfaltung

Ein wütender Mob macht noch kein hehres Anliegen. Europas Straßen erleben lediglich das Aufbäumen veralteter Selbstsucht — auf Kosten der tatsächlich Betroffenen.
Lesedauer: 4 Minuten

Ioannis Sakkaros spielt eigentlich eine sehr tragische Rolle. Er gibt vor, im Interesse der ›kleinen Leute‹ gegen Dieselfahrverbote zu protestieren. Ein moderner Robin Hood also. Die Regierung macht er zum Sündenbock. Ihre mangelnde Handhabung der Grenzwert-Causa könnte, so befürchten er und seinesgleichen, ›den Bürger‹ seine wohlverdiente Freiheit kosten. Dabei verkennt er allerdings, dass nicht die Regierung, sondern die Industrie ihr Geld mit dem Verkauf von Automobilen verdient. Er verkennt auch, dass nicht die Regierung, sondern die Industrie bei den Werten betrogen hat. Er verkennt überdies, dass nicht die Regierung sich gegen kostenfreie Nachrüstungen stellt, sondern die Industrie — um den Gebeutelten mit neuen, diesmal ›aber wirklich sauberen Autos‹ noch mehr Geld aus der Tasche zu locken.

Vor allem aber verkennen Sakkoros und seinesgleichen, dass sie keineswegs für ein Grund- oder Bürgerrecht kämpfen, sondern für ein Privileg. Selbstverständlich wird niemand aus der politischen Elite den Mut aufbringen, ihnen zu sagen, dass sie bislang weit über ihre Verhältnisse gelebt haben und das Privileg der Automobilität von nun an nicht mehr im selben Maße werden genießen können. Das ist ihr tatsächlich zum Vorwurf zu machen. Sakkoros und seinesgleichen kämpfen, tragischerweise, für die Spitze des Irrsinns: für das Privileg, für 365 Stunden im Jahr ein Gerät zu nutzen, mit dem sie rund 120 davon im Stau stehen und rund 120 Stunden davon dafür nutzen, einen Ort zu suchen, an dem sie es abstellen können. Sie kämpfen also für rund 120 Stunden angenehmer Bewegung im Jahr, zu einem Preis von rund 6.000 Euro (ohne Anschaffung!) — und von jährlich mehr als 20.000 Menschenleben. Übrigens gegen jede Pflicht am Gemeinwohl, die ihnen Artikel 14, Satz zwei des Grundgesetzes auferlegt: »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll gleichzeitig dem Wohle der Allgemeinheit dienen.« Die Gelbwesten sind das neue PEGIDA: selbstsüchtig und fremdbenutzt. In einer Zeit, da scheinbar nur noch die Angst vor dem Verlust genug Menschen auf die Straße bringen kann, kämpfen Sakkoros und seinesgleichen für das Privileg, von den Geschäftemachern weiterhin schädlichen Irrsin angedreht zu bekommen.

Die kleinen Leute sprechen für sich selbst.

Im Straßenverkehr zeigt die gelbe Warnweste jemanden an, der nicht übersehen werden möchte. Ein Signal, das um Aufmerksamkeit für die Schwächeren wirbt. Die Demonstrierenden pervertieren seine Funktion und tragen ihre Empörung darüber zur Schau, dass sie nun nicht mehr das Privileg der Verschwendung genießen können sollen. »Die Autoindustrie lügt und betrügt und der kleine Bürger zahlt die Zeche.«, steht auf ihren Plakaten. Damit haben sie Recht, mal ganz abgesehen davon, dass Pkw-Besitzer sicherlich nicht zu den einkommenschwächsten Bevölkerungsgruppen zählen. »Pro Diesel. Keine Enteignung.« Damit nicht. Allein an der Streubreite ihrer Wut lässt sich gut erkennen, dass es eigentlich nur darum geht, Pfründe zu sichern.

Denn die — wortwörtlich — kleinen Leute brauchen sich gar nicht vertreten zu lassen. Sie begehren selbst auf. Seit Wochen folgen Schülerinnen und Schüler in Deutschland regelmäßig dem Beispiel der Schwedin Greta Thunberg, 15 Jahre alt. Unter dem Schlagwort #FridaysForFuture ersetzen sie den Unterricht durch eine Demonstration für mehr Anstrengungen beim Klimawandel. Dabei werden sie bisweilen sehr konkret. So blockierten beispielsweise die Schüler einer bayerischen Schule den Parkplatz für Elterntaxis, einer noch weiter zunehmenden Seuche der faulen Mittel- und Oberschicht. Dafür erntet die Jugend Respekt und Verständnis. Denn wenn es im post-faktischen Zeitalter der Hyper-Gier überhaupt noch so etwas wie ein hehres Ziel gibt, dann doch wohl, die Lebensgrundlage aller Menschen zu schützen. Nicht nur seinen eigenen Hintern.

Vom Glück, selbst zu strampeln

Den haben die Gelbwesten, hüben wie drüben, sich dagegen wohl eher sehr weich gesessen. Weshalb kommt eigentlich niemandem von ihnen in den Sinn, das eigene Leben einfach mal selbst in die Hand zu nehmen? Wer hat eigentlich behauptet, es ließen sich keine Potenziale zur freien Entfaltung der Persönlichkeit finden, man müsse da auch gar nicht erst nachschauen? Wer hat eigentlich behauptet, das Verharren in der Rolle des beleidigten Opfers brächte nicht nur garantierte Versorgung, sondern obendrein noch Zufriedenheit? Wer hat eigentlich behauptet, Fortschritt würde frei Haus geliefert und auch die Retoure bliebe kostenlos? Es nimmt sich bezeichnend aus, dass hierzulande seit 2002 vier Millionen Menschen weniger die Bereitschaft zeigen, selbst regelmäßig in die Pedale zu treten. Vier Millionen Wohlstands-Junkies mehr. Dabei könnte uns gerade das Fahrrad vom seelenfressenden Widerstreit zwischen abhängiger Ohnmacht und panischer Selbstsucht befreien. Flächendeckend. Selbst ist der Mensch! Selbstwert, Entfaltung und Zufriedenheit werden wir nicht mithilfe von Motoren erlangen, egal ob Diesel, Benzin oder Elektro — sondern ausschließlich aus eigener Kraft. Deutschland braucht keine Gelbwesten, sondern stattdessen Leuchttürme und Wegweiser.

Der Autor

Johannes P. Reimann hält das Fahrrad für eine der am stärksten unterschätzten Innovationen der Neuzeit. Als Planer und Berater für Mobilität befasst er sich in der Hauptsache mit verkehrlichen Aspekten und will als Ergänzung hier auf 2oom! das Lebensgefühl Fahrrad zelebrieren.