Die Spirale des Guten

07.04.2020
Vorbilder

Wer die Mechanismen hinter Pegida und Gelbwesten versteht, kann sie umgekehrt einsetzen und damit die Welt verbessern.
Lesedauer: 11 Minuten

Der US-amerikanische Präsident Donald J. Trump gibt ein leuchtendes Beispiel — allerdings nicht als weiser Regent, sondern als pädagogischer Blindgänger. Er empfehle allen Amerikanern, eine Atemschutzmaske zu tragen, damit sie sich und andere vor einer Ansteckung mit Sars-Co-V2 schützen. Selbst will er diesem Ratschlag allerdings nicht folgen. Völlig egal, welche Argumente er geltend macht: Allein die Handlung straft seine Worte Lügen.

So leicht wie Abgucken

Seit der Jahrtausendwende geistern exzentrische Stars durch die Hirnforschung, denen die Fraktion der euphorischen Experten nahezu jedes Wunderwerk zutraut und denen die Opposition im gleichen Maße abschwört: die Spiegelneuronen. Als kleinster gemeinsamer und unstreitiger Nenner aller Positionen zeichnet sich indes die Erkenntnis ab, dass sie den Menschen auf eine beobachtete Handlung mit der unwillkürlichen Nachahmung reagieren lassen. »Vieles deutet heute darauf hin, dass Spiegelneuronen dafür sorgen, dass Bewegungsmuster unterschwellig aktiviert werden — die Voraussetzung, um schnell auf andere zu reagieren und mit ihnen zusammenarbeiten zu können«, so eine aktuelle Einschätzung. Damit spielen sie eine sehr große Rolle für das sozialkognitive Lernen: »Imitation beschleunigt das Lernen und vervielfacht die Lernmöglichkeiten. Sie ist schneller als individuelles Entdecken und sicherer als das Lernen durch Versuch und Irrtum.« Das verwundert nicht, denn: »Wir beziehen unsere Urteile immer auf die Gruppe, mag sie auch noch so klein sein.«, sagt der Neuropsychologe Professor Lutz Jäncke. Auch die Hirnforscherin Franca Parianen betont: »Der Mensch ist besser im Imitieren als jede andere Spezies. Er lernt eher von anderen.«

Es sei denn, die Vorbilder fehlen. Auch Pegida und die Gelbwesten scheint ein gemeinsames Schicksal zu einen: Mit den übermächtigen Erzählungen von Flüchtlings- und Klimakrise setzen wir sie in Dauerbeschallung unter emotionalen Stress und erzwingen eine Reaktion — vergessen dabei aber, ihnen den Ausweg ganz simpel zu zeigen, quasi vorzuführen. Seit dem Jahr 2002 radeln hierzulande vier Millionen Menschen weniger mindestens ein Mal pro Woche. Die Chance, Menschen radfahren zu sehen, verringert sich also, und zwar anhaltend. Auch die Tendenz, Flüchtende immer häufiger zu kasernieren, erfreut sich zwar der wachsenden Beliebtheit unter Rassisten, schmilzt aber auch die sichtbaren Beispiele gelingender Integration mehr und mehr ab. In beiden Sachbereichen verrichtet also eine teuflische Abwärtsspirale ihr Werk: Die nachahmenswerte Handlung verschwindet langsam, aber stetig, aus der Realität und verliert an Zugkraft, was ihr Verschwinden weiter beschleunigt. Die gute Nachricht: Beide Spiralen ließen sich leicht umkehren und zu echtem Aufschwung heranziehen. Dafür braucht es lediglich deutlich mehr Vorbilder und allseits präsente Geschichten darüber, die zum Nachahmen anregen.

Gar kein Beispiel

Welche krampfhaften Anstrengungen dagegen der politisch-industrielle Komplex unternimmt, um die künstliche Welt des Automobils aufrechtzuerhalten, zeigt sich beispielsweise an den Werbebudgets der Automobilhersteller für den deutschen Markt: Sie gaben im Jahr 2019 rund 1.620.000.000 Euro aus. Jede Pkw-Neuzulassung, das Kraftfahrtbundesamt zählte 3.607.258, ließen sie sich also rund 449 Euro kosten. Im Jahr 2016 hatte der Wert sogar noch bei 526 Euro gelegen, durch 1.764.700.000 Werbe-Euro für 3.351.607 Neuzulassungen. Lediglich acht Euro davon entfielen übrigens auf die Werbung für Elektrofahrzeuge, 101 Euro dagegen auf SUV. Wen wundert es also, dass deren Zulassungszahlen spürbar steigen, die von Elektroautos dagegen kaum? Eine unermesslich große zusätzliche Werbewirkung erzielen die regelmäßigen Krisenberichte aller renommierten Medien über die ›notleidende‹ Automobilindustrie, das Framing von Automobilität als Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und die flächendeckende politische Epilepsie, deren Zuckungen sich als krankhafte Aufstockung der Entfernungspauschale, als panische Angst vor dem heilsamen Durchgriff gegen das Schwarzparken, als Rituale der Gegenwartsberauschung, als Huldigungen an selbst erkorene Götzen und generell als Exorzismus wider die Vernunft und die politische Integrität äußern.

Ohne diesen Gehirnwäsche-Apparat taugte das Autofahren keineswegs als Erfolgsmodell. Denn in einer hermetisch abgeschlossenen Zelle aus anorganischen Stoffen, die mit hoher Geschwindigkeit vorbeirauscht, sitzen unbewegliche Leichen, die dem Anschein nach nichts tun. Weder können Außenstehende eine Handlung beobachten, noch können sie den Schaden oder Nutzen der Leichen als Konsequenz aus deren Nicht-Handlung miterleben. Sogar die zwischenmenschliche Verständigung in Form von Gesten findet sich beinahe vollständig blockiert durch die undurchdringliche Barriere aus Glas, Kunststoff und Metall. Die Insassen von Kraftfahrzeugen scheinen eine gänzlich andere Raum-Zeit-Dimension zu bevölkern und finden für alle, die außerhalb davon existieren, während der Fortbewegung praktisch nicht statt. Nichts an der Automobilität im öffentlichen Raum lässt das sozialkognitive Lernen zu.

In die Sackgasse

Der Radverkehr allerdings genauso wenig. Statt auf massenhaft begeisterter Gesichter menschlicher Vorbilder setzt die hiesige Verkehrspolitik lieber auf den Anteil des Radverkehrs an allen täglichen Wegen; ein genauso mechanistischer wie unbrauchbarer Technologie-Indikator: Denn ganz offensichtlich legen heute absolut weniger Menschen auch absolut weniger Wege auf dem Fahrrad zurück; nur relativ nicht, weil die Gesamtzahl aller Wege noch stärker schrumpft. Statt wesentlich mehr Geschichten vom Radfahren in die Medien zu bringen, lanciert sie lieber moralinsaure Kampagnen; völlig zwecklos: »Der Appell richtet sich nämlich an die bewusste, sprachkompetente, rationale linke Großhirnrinde, die von allen Hirnteilen am weitesten von der Verhaltenssteuerung entfernt ist.«, bemerkt der Neurobiologe Professor Gerhard Roth. Statt wesentlich mehr radfahrende Menschen auf die Straßen einzuladen, beispielsweise durch die Abschaffung von Kfz-Parken im Seitenraum und eine flächendeckende Tempo-20-Regelung innerorts, vereinnahmt sie lieber einen bedenklichen Chauvinisten-Wettbewerb und gibt ihn als eigene Maßnahme aus. Doch das ›Stadtradeln‹ schadet mehr, als es nützt: Denn es interessiert sich gar nicht für die alltägliche Mobilität mit dem Fahrrad, sondern es triggert stattdessen die sportliche Potenz und leistet so einer Meritokratie, also einer Herrschaft der Performer, gehörig Vorschub — nur eine Stufe entfernt von der Exklusion der Durchschnittlichen.

Der US-amerikanischen Entertainment-Legende Fred Astaire wird der Ausspruch zugeschrieben: »The hardest job kids face today is learning good manners without seeing any.« Eine doppelte Tragödie, denn nicht nur die unwillkürliche Nachahmung verhilft einer Handlung dazui, sich zu verbreiten, auch das Dopamin eilt unterstützend herbei, was den Lerneffekt noch verstärkt: »Das Gehirn lobt sich selbst, wenn man die richtige Wahl getroffen hat — und wenn man einen Ratschlag annimmt und befolgt.« Es sei denn, der stammt vom obersten Dealmaker der Vereinigten Staaten und entlarvt sich durch dessen konträres Verhalten als völlig wertlos.

Der Autor

Johannes P. Reimann hält das Fahrrad für eine der am stärksten unterschätzten Innovationen der Neuzeit. Als Planer und Berater für Mobilität befasst er sich in der Hauptsache mit verkehrlichen Aspekten und will als Ergänzung hier auf 2oom! das Lebensgefühl Fahrrad zelebrieren.

  • Foto: wal_172619

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