Der kalorische Imperativ

 

24.10.2018
Antrieb

So viel Geschwätz, so wenig Bewegung. Dabei geht Verkehrswende genauso leicht wie Abnehmen — also sehr leicht.
Text: Johannes P. Reimann    Foto: Jarmoluk

Da sitzt er in seinem Ledersessel und schaut fern. Eben noch wischte seine Hand die letzten Krokettenkrümel aus den Mundwinkeln — er hat sich, zum wiederholten Male diese Woche, auf den Abend ein vollständiges Menü aus vielen frittierten Teilen bestellt; wenigstens gehörte auch gesunder Salat dazu —, jetzt fährt sie in die Richtung der Schüssel mit den Kartoffelchips. Light. Unter dem weiten Hemd, XXL, wölben sich Fettpolster nicht nur am Bauch. Unschön und vielleicht auch ein bisschen lästig, sicherlich. Aber daran ist nun einmal nichts zu ändern. Denn anders lässt sein Leben sich ganz einfach nicht organisieren. Wozu auch? Alles in bester Ordnung. Diese Person bin ich und ein solcher Moment wiederholte sich bis vor zweieinhalb Jahren regelmäßig. Bis ich einen (r)evolutionären Schritt nach vorne tat und mir selbst eingestand: Ich bin keineswegs zufrieden mit meiner Verfassung. Krankhaftes Übergewicht, Beschwerde bei länger dauernden Bewegungen, Bluthochdruck, unruhiger Schlaf — all diese Minuspunkte hatte ich bislang viel zu leicht der ›Normalität‹ zugerechnet. Doch nun wollte ich mich ehrlich machen, wenigstens gegenüber mir selbst. Mein Zustand entsprach nicht annähernd meinem Potenzial zu einem glücklichen Leben. Damit konnte ich mich allerdings vor der brutal folgerichtigen Konsequenz ebenfalls nicht mehr drücken: Ohne eine Veränderung gäbe es daraus kein Entkommen. Zum Zeitpunkt dieser Erkenntnis hatte ich mein drittes Lebensjahrzehnt bereits lange hinter mir gelassen.

Diese Anekdote findet in einem Blog über das Radfahren selbstverständlich nur dann ihre Berechtigung, wenn sie irgendeinen Zusammenhang mit Radverkehr im Besonderen oder Mobilität im Allgemeinen erkennen lässt. Hier ist er: Die deutsche Verkehrspolitik und -planung täte gut daran, sich einer ähnlichen Erkenntnis zu stellen. Sämtliche Systeme, die wir in unserem Land zum Zwecke der Ortsveränderung von Personen oder Gütern unterhalten, verursachen massive Schäden oder operieren weit unter ihrem Potenzial für eine gesunde und nachhaltige Aufgabenerfüllung. Statt aber ein Bild davon zu entwickeln, wie Fortbewegung in der Zukunft insgesamt funktionieren kann — also quasi eine Mobitopie —, verlieren alle Denker*innen und Lenker*innen sich immer wieder viel zu schnell in kleinen Details und entdecken dort, selbstverständlich völlig unbeabsichtigt, diverse Fallstricke, die grundlegende Veränderungen — tja, leider — kategorisch ausschließen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Zum damaligen Zeitpunkt erschien mir der Gedanke, eines Tages mein Traumgewicht zu erreichen, ebenfalls wie eine Utopie. Dennoch: Ich verlor innerhalb von zwölf Monaten insgesamt 34 Kilogramm und erfreue mich aktuell einer gesunden Statur und eines unglaublich befreiten Körpergefühls. Das stelle ich immer dann wieder neu fest, wenn ich Möbel, Getränke oder andere Gegenstände aus einer ähnlichen Gewichtsklasse die drei Stockwerke zu meiner Wohnung hinaufwuchte. Ich kann nicht fassen, welchen Ballast ich früher mit mir herumschleppte. Das allerbeste daran: Das Abnehmen fiel mir so leicht, dass ich häufig das Gefühl bekam, es vollziehe sich von ganz allein. Keine teuren Diäten oder Wundermittelchen, keine exzessiven Trainingsprogramme, kein ungesundes Hungern. Ich befolgte lediglich eine Handvoll Prinzipien, die auch für die Mobilität der Menschen in unserem Land sensationelle Verbesserungen bringen könnten.

1. Selbstprogrammierung überschreibt alles andere.

Nicht zuletzt ich selbst werfe der Verkehrspolitik immer wieder vor, ihren eigenen freien Willen verschrottet zu haben und in die Rolle als willfährige Erfüllungsgehilfen fremder Profitinteressen geschlüpft zu sein. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird dieser Tage ja nicht müde, zu betonen, wie eng sie sich mit der Automobilindustrie verbunden fühlt. Das erregt ganz einfach nur noch Ekel, richtig. Aber den eigenen Willen, das habe ich spätestens durch das Abnehmen final gelernt, wird niemand los. Ich flüchtete mich jahrelang in die Rolle des Opfers der Umstände, machte mir selbst weis, mein bewegungsarmer Job, mein autofreundlicher Wohnort, meine Biographie als chronisch Kranker und deshalb bestenfalls Sportzuschauer, sogar in der Schule, kurz: Sämtliche Rahmenbedingungen also blockierten mich und verdammten mich damit automatisch zum Übergewicht. Doch meine Ratio wälzte irgendwann Zweifel, die im Laufe der Zeit immer weiter wuchsen: Würde nicht die Entscheidung aus freiem Willen insgesamt pure Illusion bleiben, würden sich Macht und Ohnmacht nicht letztendlich als reine Dialektik herausstellen, die eine real existierende, totalitäre Fremdherrschaft lediglich zu kaschieren versuchte? Müssten nicht Begriffe wie ›Wachstumszone‹ und ›Selbstwirksamkeit‹ ganz einfach nur einer globalen Täuschung dienen, dazu bestimmt, jeden Menschen im eschatologischen Wollen, aber nicht Können gefangen zu halten? Orientierung gab mir ein Zitat aus dem Roman ›Der Alchemist‹, das ich schon mehr als fünfzehn Jahre zuvor aufgeschnappt hatte; das Buch als solches habe ich nie gelesen — das Zitat betrifft die größte Lüge der Welt: »In einem bestimmten Moment unserer Existenz verlieren wir die Macht über unser Leben, und es wird dann vom Schicksal gelenkt. Das ist die größte Lüge der Welt!« Übersetzt bedeutet das: Verkehrspolitik und auch -planung verfügen über alle Freiheiten, notwendige Schritte einzuleiten. Überwinden müssen sie lediglich die selbstgeschaffene und -unterhaltene Konditionierung der vergangenen Jahrzehnte.

2. Zug bewirkt mehr als Druck.

Der Hirnforscher Professor Gerald Hüther schlussfolgert aus seiner eigenen Forschungstätigkeit, dass Verknüpfungen im Gehirn des Menschen sich erst mit emotionaler Begleitung neu bilden. Was uns Freude oder gar Lust bereitet, etabliert sich dauerhaft in unserem Vermögen. Lange bevor ich auf seinen Befund stieß, konnte ich denselben Mechanismus für mich nutzbar machen: Die Werbespots für ein Abnehm-Wundermittel unmittelbar vor der täglichen Nachrichtensendung im TV weckte in mir den — zugegebenermaßen auch mit einer Prise Trotz versetzten — Ehrgeiz, das aus eigener Kraft und mit eigenen Methoden zu vollbringen, ohne mich wiederum von Dritten und ihren Erzeugnissen abhängig machen zu lassen — deren Wirksamkeit ohnehin noch immer größte Zweifel anhaften. Ich entwickelte eine brennende Lust auf gute Nachrichten, auch weil vor allem berufliche Projekte in der Mehrzahl regelmäßig solche Totschläger wie ›Das wird nicht funktionieren‹, ›Das haben wir noch nie so gemacht‹, ›Dafür werden Sie niemanden begeistern können‹ oder ›Wäre schön, trauen wir uns aber nicht‹ hervorbrachten. Ich vertiefte mich in die Lektüre über unterstützende Lebensmittel und fand schließlich zwei Komponenten, die mich schließlich bis zum Ziel trugen. Indem ich mich bereits vorab in positivem Sinne in mein Anliegen hineinsteigerte, legte ich also das wesentliche Fundament für den Erfolg. In Bezug auf unser Verkehrssystem erscheinen mir die meisten Figuren dagegen noch immer viel zu desinteressiert, ratlos, resigniert — schlicht: antriebslos; sie reagieren nur in Notfällen, weil der Druck sich dann anders nicht mehr kompensieren lässt. Dafür ernten sie am Ende allerdings eben auch keinerlei solide Verbesserung, sondern höchstens temporäre Linderung.

3. Das Wunder kommt vom Selbst.

Sie verhalten sich damit insgesamt ganz ähnlich zu denjenigen Menschen, die zwar den Wunsch verspüren, sich zu verändern, das aber als Dienstleistung von anderen erwarten. Wundermittel oder Superfoods sollen es richten, man zahlt ja schließlich großes Geld dafür. Allerdings: Ohne die Einsicht, dass es das eigene Zutun braucht, die eigene Geistesanstrengung und auch die Bereitschaft, den Weg nicht nur zu kennen, sondern zu gehen, werden sie keine echten Erfolge erzielen. Auch die Mobilitätsdebatte strotzt nur so vor Patentrezepten, die Diätpillen heißen dort beispielsweise ›Elektroauto‹ oder ›Radschnellweg‹. Sie schießen deshalb so ins Kraut, weil einerseits jemand damit sein Geschäft machen möchte und weil die Verantwortlichen sich andererseits einfach nicht vorstellen können, dass es grundlegender Veränderungen bedarf, die den gesamten Metabolismus betreffen, statt der simplen Fortsetzung alter Verhaltensmuster, die lediglich ein Übel mit dem anderen ersetzen. Damit in Verbindung steht nämlich die elementare Frage: Worfür wollen wir die Verkehrswende eigentlich erreichen? Doch bitte nicht nur, um irgendwelche extrinsischen und theoretischen Grenzwerte nicht zu überschreiten. Das rechnen wir uns schon irgendwie wieder schön. Nein, wir wollen intrinsisch das Leben der Menschen in unserem Land unmittelbar verbessern. Also hier und heute. Ich nahm ja nicht ab, um den idealen Body-Mass-Index zu erfüllen und mir damit, rein statistisch, eine höhere Lebenserwartung zu verschaffen, weil das irgendjemand als Norm propagierte; ich wollte mich aus mir selbst heraus ganz einfach besser fühlen und dafür war ich, das wusste ich instinktiv, ganz allein verantwortlich. Im Gegensatz zu einem Kommilitonen, der lange vor mir an Übergewicht litt und der — entweder naiv oder ironisch, ich weiß es bis heute nicht — gern zu Protokoll gab: »Nun trinke ich schon nur noch Cola Light, und trotzdem verliere ich kein einziges Pfund.« Gern möchte ich den Entscheidern in Politik und Wirtschaft immer wieder zurufen: Nicht die Cola Light ist das Problem, sondern Eure stupide Inkonsequenz, und zwar im Wollen wie im Handeln!

4. Nur weniger verhilft wirklich zu mehr.

Die zeigt sich beispielsweise darin, dass das Bundespeinlichkeitspapier Nummer eins, der Klimaschutzplan der Bundesregierung, zwar viel von Effizienzsteigerung spricht, aber kein Wort über Einsparung verliert. Der dort kolportierte Zusammenhang liest sich mindestens abenteuerlich, wenn nicht sogar skandalös: Wir fahren effizienter, aber mehr. Und zwar so viel mehr, dass wir selbst die Effizienzgewinne wieder komplett verfahren. Und noch mehr. Wie es in dieser Hinsicht weitergehen soll, bleibt offen. Selbstverständlich hätte ich mich seinerzeit ausschließlich auf niedrigkalorische Lebensmittel stürzen können, beispielsweise auf das leckere Chili con Carne meines Kollegen, um davon zu jeder Mahlzeit mehrere Portionen zu verschlingen. Allein, mein Gewicht wäre gestiegen statt gesunken. Denn die Wahrheit lautet: Es kommt sehr wohl auf die Menge an. Und zwar auf das Produkt aus Fahrzeugen multipliziert mit Kilometern, nicht auf virtuelle Flottenverbrauchsmittelwerte. Die sorgen lediglich dafür, dass wir uns völlig sinnbefreit über wahnwitzige neue Rezepte unterhalten, statt über die Dosierung zu reden. Ich behaupte rundheraus: Auch eine Million Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen erreichten nicht denselben umweltentlastenden Effekt, den wir erzielen könnten, wenn wir einzig und allein den Parksuchverkehr auf ein Drittel reduzierten. Das vermittelt vielleicht eine leichte Ahnung davon, welche unglaublichen Verbesserungsreserven dann insgesamt in der Verkehrsvermeidung stecken müssen. Ironie des Schicksals: Sogar die Expertenkommission zum Monitoring-Prozess ›Energie der Zukunft‹ hantiert in ihrer Stellungnahme zum fünften Monitoring-Bericht der Bundesregierung (Seite 49) zwar mit dem Begriffsgegensatz-Paar ›weitere Anstrengungen‹ (Bundesregierung) und ›grundlegender Politikwechsel‹ (Expertenkommission). Empfehlungen zur Reduktion von Verkehrsmengen finden sich dort aber ebenfalls an keiner Stelle. Der Schlüssel zum Abnehmen liegt aber — trotz aller mentalen Kniffe — tatsächlich in der knallharten Bilanz: Wer sein Budget überschreitet, ob nun in Punkten oder Fahrzeugkilometern oder Kalorien, ob nun täglich, wöchentlich, monatlich oder jährlich, kommt ganz einfach nicht voran. »Das ist nicht Magie«, wie der große Jochen Malmsheimer sagen würde, »das ist Physik.« Übrigens: Entgegen landläufiger Politikermeinung wird autonomes Fahren nicht zu einer Reduktion des Verkehrsaufwands führen, sondern eher zu einem massiven Anstieg.

5. Der Mangel spukt höchstens als Gespenst.

Nur deshalb wagt Politik überhaupt, sich dieses Themas anzunehmen und es wie eine — leider allerbilligste — Monstranz der Modernisierung vor sich herzutragen. Denn sie traut weder ›der Industrie‹ noch ›der Gesellschaft‹ die Schreckensnachricht vom Verzicht zu. Die verkauft sich erstens nicht gut bei den Umfrageinstituten, deren Sonntagsfragenergebnisse eine von zwei allgemein anerkannten politischen Währungen zu sein scheinen; mal ganz off topic: Gibt es dazu eigentlich kritische Korrektive? Die Hiobsbotschaft bekommt zweitens prompt eine deftige Quittung aus den höchsten Konzern-Etagen, auf denen die drohende Streichung von Arbeitsplätzen gern mit konkreten sechsstelligen Zahlen daherkommt; die zweite Währung im politischen Betrieb. Man beachte den dialektischen Trick dabei: Indem die Bosse vor ›Wegfall‹ oder ›Verlust‹ warnen wie vor einem Naturereignis, gerieren sie sich wiederum als Opfer der Umstände, geschaffen durch politische Entscheidungen, auf die sie keinerlei Einfluss hätten — obwohl sie selbst ja in einem solchen Fall den Rotstift schwingen. Strukturwandel, Transformation, echte Modernisierung zur Zukunftssicherung von Arbeitsplätzen? Fehlanzeige. Das kommt einer Bankrotterklärung des Unternehmertums an sich gleich. Smartes Management hätte die Umbrüche bereits lange im Voraus antizipiert, statt mit stetig wachsendem Katastrophenpotenzial immer wieder die Fortsetzung des Status Quo zu erpressen. Liebe Herberts dieser Welt: Sogar die Politiker*innen lassen sich nicht beliebig stark verbiegen. Eines Tages werdet Ihr den Bogen überspannt haben. Die ausgewachsene Arbeitskrise geht dann allein auf Euer Konto. Doch will ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Ich hätte meine eigene Metamorphose vielleicht schon ein halbes Jahrzehnt früher einleiten können. Doch ich redete mir lange Zeit ein, wollte mir ganz einfach einreden, ich müsste dadurch an Lebensqualität einbüßen. Keine Snacks und Süßigkeiten zwischendurch, keine Portionen, so groß ich sie je nach Tagesform wünschte. Ich würde ganz banalen Verzicht üben müssen. Da kamen mir Hinweise von anderen, wie etwa »In unserem Job braucht das Gehirn ganz einfach schnell verfügbare Energie«, gerade recht — sie stammten von Kollegen, die selbst sehr gern in die Schokoladen-Tüte griffen. Süßkram bildete ganz einfach eine systemrelevante Voraussetzung für meine Produktivität, ohne die ich meine Konzentrations- und Leistungsfähigkeit bedroht sah! Doch zur eingangs erwähnten Ehrlichkeit gehörte auch die Einsicht, dass der Abbau von ungesunder Maßlosigkeit — mein Hungergefühl hatte sich massiv verschoben — keinen Mangel darstellt, sondern stattdessen die Rückkehr zur gesunden Balance. Ich hielt die mir eingeredeten Befürchtungen aus — und wurde vielfach dafür belohnt. Unterscheiden wir in der Mobilitätsdebatte ebenfalls nach realen Risiken und zweckgerichtetem Gespenster-Spuk?

6. Kleine Erfolge beflügeln.

Wo, beispielsweise, stürzen die Massen an Schleichverkehren, die Autofreunde gegen die Einrichtung von Tempo 30 regelmäßig orakeln, tatsächlich ganze Wohnquartiere ins Verderben? Verschwinden sie nicht vielmehr? Erreicht die Rücknahme von Angeboten für schnellen und viel Straßenverkehr nicht sogar jedes Mal auch sofort einen Rückgang der Verkehrsmenge insgesamt? Solche Geschichten kursieren leider noch viel zu selten, tauchen beinahe niemals auf den Titelseiten oder in den Top-Nachrichten auf. Wir nutzen ihre motivierende Kraft noch viel zu wenig. Schon bei der Nennung des Stichworts ›Praxisbeispiele‹ stellt sich kollektives Gähnen ein. Alle wollen an die großen Räder heran. Selbst auf den Kongressen, wo Fuß- und Radverkehrs-Nerds ganz unter sich bleiben und deshalb gern auch mal Tacheles sprechen können, entsteht immer wieder der lähmende Eindruck, eine Verkehrswende könne nur dann stattfinden, wenn ›die da oben‹ endlich die Straßenverkehrsordnung reformieren, wenn ›die da oben‹ ganz viel Geld zur Förderung des großen Ganzen bereitstellen, wenn ›die da oben‹ einfach endlich mal das ganze Land mit einem Masterplan oder Generalkonzept oder was auch immer überziehen. Doch genauso, wie wir die Mobitopie brauchen, damit wir wissen, weshalb es sich überhaupt lohnt, anzufangen, müssen wir eigentlich auf die vielen kleinen Erfolge blicken, die sich bereits eingestellt haben oder die bereits in Griffweite liegen. Als die ersten Kilos purzelten, wusste ich nicht, ob ich meinen Traum von insgesamt dreißig tatsächlich würde verwirklichen können. Aber allein die Begeisterung darüber, dass überhaupt Bewegung in die Gewichtsanzeige kam, verlieh mir den Mut, weiterzumachen und trug mich auch durch solche Phasen, während derer sich die Nadel keinen Millimeter weiterschob. Ich hatte ja bereits den Nachweis erhalten, dass es funktionierte. Die Gesamtsumme am Ende der zwölf Monate stellte mich dann zufrieden, warf mich allerdings nicht mehr wirklich aus den Latschen. Erst Freunden und Bekannten, die ich länger nicht gesehen hatte, entfuhr ein Schrei der Anerkennung, der mir bewusst machte, wie unglaublich weit ich mit großer Beharrlichkeit und in vielen kleinen Schritten gekommen war.

Die Verkehrswende gehört uns.

Wo also bleiben die opulenten digitalen Karten über neu eingerichtete verkehrsberuhigte Bereiche, über neu eingerichtete Tempo-30-Zonen, über alle anderen Maßnahmen, die zu weniger Verkehr, aber mehr Mobilität führen? Übergeordnete Ebenen wie Bundesländer oder Bundesregierung könnten hier wertvolle Hilfe leisten. Denn das Grundrauschen scheint vorhanden, wir sehen es nur nicht deutlich genug. Unsere Städte und Gemeinden aber haben leider alle Hände voll zu tun mit anderen Aufgaben. Dabei bilden sie eigentlich das zentrale Scharnier für die Verkehrswende. Die örtliche Gemeinschaft gestaltet ihre Angelegenheiten nach Artikel 28, 2 Grundgesetz weitgehend selbst. Die Plagen, die übermäßiger Straßenverkehr über uns bringt, wirken sich örtlich aus, nicht auf Länder- und nicht auf Bundesebene; die Segnungen der erfolgreichen Wende erleben wir ebenfalls vor Ort in unseren Städten und Gemeinden, nicht in Bundes- und Landesparlamenten. Einen schlagkräftigen Beleg dafür liefern unter anderem die aktuellen Gefechte um Diesel-Fahrverbote, aber sie belegen ebenso den Umstand, dass auch hier der Staat den örtlichen Gemeinschaften allzu gern ins Handwerk pfuscht. Umgekehrt kämen wir voran: wenn Bund und Länder auf Kosten ihres eigenen, verbissen die große Geste erzwingenden Kleinkrämertums den Kommunen mehr Spielraum ließen für handfeste Handlungen.

Darüber verfügen sie im Kern aber schon jetzt. Anderslautende Aussagen können höchstens als vorgeschoben gelten. Großstädte, die meinen, gegen das ›Statussymbol‹ Automobil auch auf lange Sicht nichts ausrichten zu können, erweisen sich als klarer Fall für Prinzip Nummer 1. Oder sie hoffen insgeheim sogar, der Kelch der Verkehrswende ginge an ihnen vorüber — dann wäre es nur fair, ihr auch öffentlich eine Abfuhr zu erteilen, damit alle anders gesinnten Einwohner*innen zumindest die Chance zur Flucht erhalten. Wir werden den einen oder anderen Exodus aus Klimaschutzgründen vielleicht auch in deutschen Oberzentren erleben. Mich dagegen treibt eher nicht der drohende Infarkt unseres Verkehrssystems um. Der wurde schon viele Male vorhergesagt, er wird doch nie so richtig eintreten. Aber die Vorstellung, dass wir unser großes Potenzial verschwenden, uns die Chance auf mehr Glück und Zufriedenheit für alle vergeben, einfach weil wir für Veränderungen zu feige sind und bleiben, frustriert mich. Dabei fiele es tatsächlich so leicht. Fangt einfach mal damit an. Mir verhalfen übrigens Ananas und Magerquark zum gewünschten Ergebnis. Für unsere Straßen und Plätze könnten Fahrrad- und Fußmobilität dieselbe Wirkung entfalten.

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