2oom!

Das Blut an unseren Händen

28.01.2019
Leben

Die neu entflammte Debatte um Tempolimits auf Autobahnen zeigt den rettungslosen Zynismus der Meinungsmacher. Für weniger Tote bräuchte es aber die Stimmen vieler Lebenden.
Lesedauer: 5 Minuten

Eigentlich mag Ludwig Cornelius Krach sich gar nicht mehr darüber aufregen. Das Narrenschiff Bundespolitik sei von allen Ketten los, sämtliche Sicherungssysteme habe man über Bord geworfen. Die jüngste Äußerung des Bundesverkehrsministers zeige nur noch eindrücklicher, dass selbst die politischen Navigationsgeräte nicht mehr mit der Realität in Kontakt stünden. »Mich beschleicht mittlerweile das Gefühl«, gibt er betont leise zu Protokoll, »das jeder Amtsinhaber nur eine Mission kennt: seinen Vorgänger an Dummheit spürbar zu übertreffen.« Dobrindt habe eine sehr hohe Latte hinterlassen. Deshalb konnte, nach Meinung von Krach, nur jemand das Amt übernehmen, der auch ein äußeres Zeichen für die eigene Unvernunft trage. Beispielsweise einen passenden Namen, der Wortspiele in der Nähe des Adjektivs ›bescheuert‹ geradezu aufnötige.

Herrschaft der Dummheit

Krach plädiert stattdessen für eine neue Sachlichkeit. »Insgesamt fanden 181 Menschen bei Geschwindigkeitsunfällen auf Autobahnen den Tod, 2.478 wurden schwer verletzt.«, trägt er monoton die Unfallzahlen aus dem Bericht des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2017 vor (PDF, Seite 14). Und auch seine Schlussfolgerung verrät keine Spur emotionaler Beteiligung, geschweige denn von Triumph: »Fünf komma sieben Prozent aller Verkehrsunfallopfer werden auf der Autobahn totgeschlagen, und zwar von Fahrzeughaltern, die eine unerlaubt hohe Geschwindigkeit wählten.« Im statistischen Sinne, fügt Krach noch hinzu, müsse das als signifikanter Anteil gelten.

Dass, ebenfalls im Jahr 2017, angepasste Geschwindigkeit weiteren 675 Menschen auf Landstraßen das Leben hätte retten können und dass unter dem Verkehrstod eines einzigen Menschen 113 andere leiden — elf Angehörige, vier enge Freunde, 56 Bekannte und 42 Einsatzkräfte —, diesen Fakten scheint der Auftritt höchstens auf einem unbedeutenden Nebenschauplatz erlaubt. Nicht für Krach, sondern für den Bundesverkehrsminister. Scheuer, so Krach, interessiere sich derzeit nur für eine ausgewählte Gruppe Verkehrstoter, das aber medienwirksam: nämlich für diejenigen, die sich vom Smartphone ablenken ließen. Das passe ins Bild, murmelt Krach. Radfahrende, so solle die Welt glauben gemacht werden, brächten durch Hast sich selbst und andere in Gefahr; für den handelsüblichen Autofahrer bedeute ein Tempolimit dagegen die Beschneidung von Freiheit und Wohlstand. »Hier schließt sich der Kreis wieder.«, so Krach. »Die Frage nach dem Menschenbild, das solcher Dummheit zugrunde liegt, wage ich mir gar nicht erst zu stellen.«

Das Amtsverständnis dagegen liege völlig offen. Sogar der satirische Jahresrückblick 2018 des ZDF habe sich zu einer ›Scheuer-Erklärung‹ veranlasst gesehen: »Der Bundesverkehrsminister ist nicht der Werbehansel der Autoindustrie.« (Minute 22:53) Auch die Süddeutsche Zeitung mahnte bereits vor knapp zwei Jahren: »Keine Verkehrstoten mehr, das wäre laut Unfallforschern möglich. Aber dazu müssten alle mitziehen — auch die Politik.« »Was der Herr Minister Scheuer dagegen als ›gesunden Menschenverstand‹ bezeichnet, müssten Psychologen wohl als Wahn diagnostizieren: die Unfähigkeit, den Blickwinkel zu verändern.« Krach zuckt mit den Schultern. Diesem Effekt erlägen derzeit sogar Profis, die es besser wissen müssten. »Wenn derzeit ein namhafter Autohersteller mit dem Slogan ›Gebaut, um den Atem zu rauben‹ wirbt, kann das nur als Beleg dafür gelten, dass bei den Machern sämtliche Referenzsysteme für Verantwortung — also Anstand, Gewissen, Menschlichkeit — komplett wegkippen.«

Million Voices

Symbolische Geisterfahrräder für jede und jeden getöteten Radfahrenden aufzustellen, hält Krach für schwierig. Solche Gesten schürten zwar Angst unter den noch lebenden Radfahrenden und führten schlimmstenfalls zu weniger Radverkehr. Aber diejenigen, die den widernatürlichen Verhältnissen auf der Straße einen Riegel vorschieben könnten, erreichten sie nicht. »Wer einen ausdrucksstarken Appell an die Herrschenden richten möchte, muss sie peinlich berühren.« Krach findet allmählich seine alte Form wieder. Neue Sachlichkeit ist jetzt nur noch eine Erinnerung. »Ich trage mich beispielsweise mit dem Gedanken, dem Herrn Bundesverkehrsminister einen persönlichen Adventskalender zu widmen, mit einem Türchen für jeden Verkehrstoten durch überhöhte Geschwindigkeit auf Autobahnen.« Er legt eine dramatische Pause ein. »Der beginnt selbstverständlich bereits am 27. Juni.« Die Aktion ließe sich am 15. Juni, dem Tag der Verkehrssicherheit, sogar medienwirksam ankündigen.

Noch tiefer stieße die Maßnahme sicherlich, wenn sich in jedem Türchen die Unterschriften der 113 Hinterbliebenen fänden. »Die insgesamt 20.453 Signaturen einzusammeln, dürfte allerdings weit länger dauern als nur ein halbes Jahr«, ist Krach sich sicher. Aber dieser Gedanke gehe in die richtige Richtung. »Wir können diesem — von armseligem Minderwertigkeitsgefühl einerseits und menschenverachtender Gier andererseits getriebenen — Tempowahn auf allen Ebenen nur dann Einhalt gebieten, wenn sich die Lebenden mit ihrem Lebenswunsch laut genug zu Wort melden.«

Update, 14.02.2019: Als Ludwig Cornelius Krach heute Morgen die Nachrichten studiert, prustet er beinahe los. »Schön, dass nun endlich herauskommt, wieviel der ›gesunde Menschenverstand‹ des Herrn Bundesverkehrsministers wirklich wert ist. Er ist einem Lungenarzt auf den Leim gegangen, der sich nicht nur verrechnete, sondern der auch den Stand der Forschung nicht kennt. Sozusagen ein Thilo Sarrazin der Feinstaubdebatte.«

Der Autor

Johannes P. Reimann hält das Fahrrad für eine der am stärksten unterschätzten Innovationen der Neuzeit. Als Planer und Berater für Mobilität befasst er sich in der Hauptsache mit verkehrlichen Aspekten und will als Ergänzung hier auf 2oom! das Lebensgefühl Fahrrad zelebrieren.