Zurück in die Zukunft!

 

05.08.2017
Smartness

Smart Technologies schicken sich an, das Fahrrad zu assimilieren und seine wesentliche Stärke zu vernichten. Widerstand zwecklos?
Text: Johannes P. Reimann  |  Foto: A. B. Frost

Der großartige Jochen Malmsheimer prägte einst diese salomonische Weisheit: »Früher war nicht alles besser. Aber es gab Sachen, die waren gut. Und das wären sie auch heute noch, wenn man die Finger davon gelassen hätte!« Unser Beispiel: das Fahrrad. Es scheint, so verdichtet sich der Eindruck mehr und mehr, als Verkehrsmittel bei politischen und wirtschaftlichen Granden nur dann eine echte Chance zu erhalten, wenn es sich selbst als innovatives, digitales und elektrisches Vehikel verkauft, das sich anschickt, das 21. Jahrhundert mit all dessen technologischen Revolutionen im Sturm zu erobern und letztlich anzuführen. Beinahe putzig nimmt sich etwa das Loblied des Bundesverkehrsministeriums auf das so genannte ›Smart Bike‹ aus: Wieder einmal, das sind wir ja aus den Ministerien gewohnt, werfen fachlich unbeleckte und mit fremddiktierten Schlagworten vollgestopfte Autoren mit einer Vision um sich, die aus einer schlichten Fehleinschätzung, gepaart mit totaler Hybris, nichts weniger als den Anspruch auf das vollumfassende Heilsversprechen durch Technologie ableitet. Doch: Auch das Fahrrad bliebe gut, wenn man nur die Finger davon ließe.

Innovationsfeind, Modernisierungsgegner, Ewiggestriger … Wer lässt schon gern solch harten Anwurf auf sich sitzen? Deshalb schauen wir uns die vorgeblichen Errungenschaften des in neuem Saft zu wähnenden Zweirades mal aus der Nähe an. Sehr smart sicherlich der digitale Rückspiegel: Der Geschäftsmann auf dem Drahtesel freut sich mit Sicherheit ein Loch in den Bauch darüber, dass er per WLAN-Übertragung auf sein Smartphone live dabei sein darf, wie ihn von hinten ein PKW mit nicht vorhandenem Sicherheitsabstand bedrängt. Auch das Mädel von zwölf Jahren, dessen Fähigkeit zur Reizverarbeitung ohnehin gegenüber Erwachsenen als noch deutlich eingeschränkt gilt, wird großes Vergnügen daran finden, das eigene Fahrrad mit dem gesamten Internet der Dinge tuscheln zu hören … zum Preis der völligen Überforderung und des anschließenden Kontrollverlustes. Einfach nur vom Wege abzukommen stellt da noch die harmloseste Variante dar, wie solch eine Episode enden könnte. Vor allem aber die radargestützte Vibration von Lenkstange und Sattel kann punkten: Dafür wird die Familienmutter mit den Einkaufstaschen große Erleichterung und Dankbarkeit verspüren, nur einen Augenblick bevor sie der zu schnelle SUV, ebenfalls mit einer Familienmutter mit Einkaufstüten besetzt, auf der Kühlerhaube aufspießt, zweiteilt und den matschigen Rest von Mensch und Einkäufen unter seinen mächtigen Rädern zermalmt. Wenigstens hat irgendjemand zuvor an den technischen Gimmicks am Fahrrad bares Geld verdient …

Zukunft im Kopf

›Vorsprung durch Technik‹ — ein ererbter Glaubenssatz, der sich im Sinne des Erfinders so absolut gar nicht auf das Fahrrad anwenden lässt; es sei denn, um sich schon jetzt künftige Pfründe zu sichern. Dann wirkt aber als Triebfeder nicht das Interesse, die wahren Fähigkeiten des Fahrrads vollumfassend zu nutzen und damit menschenfreundliche Mobilität zu gestalten. Es grassiert unter einigen Wenigen wohl vielmehr die nackte Angst, künftig nicht mehr am Spiel um großes Geld teilzuhaben. Weil das im Fahrradmarkt so groß aber ohnehin gar nicht ausfällt, zumindest im Vergleich zu den Dimensionen der Automobilindustrie, sollen Smart Devices am Fahrrad gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Erstens sollen sie den Umsatz je gefahrenem Kilometer erhöhen. Denn die Preise nicht nur für die Anschaffung, sondern auch für die regelmäßige Wartung solcher Geräte werden den eigentlich unschlagbar günstigen Drahtesel weiter künstlich zum Luxusprodukt aufpumpen. Zweitens soll die Abhängigkeit von Dritten gesteigert werden. Ein Schelm, wer dahinter den Masterplan vermutet, um das Fahrrad herum ein komplexes und profitables Ökosystem aus Herstellern, Zulieferern, Händlern, Werkstätten und Servicedienstleistern zu installieren, die allesamt mitverdienen wollen am neuen Rausch namens Smart Bike? Sollte diese Entwicklung sich ungehindert fortsetzen, werden eines grauenhaften Tages sogar Abschleppdienste für Fahrräder Hochkonjunktur haben: weil Geräte wegen Softwareproblemen die Weiterfahrt verhindern, reines Schieben zur nächsten Werkstatt aber die empfindlichen Bauteile schädigen würde. Käme dann nicht auch die Einführung einer Fahrerlaubnis für Fahrräder als nächster logischer Schritt in Betracht? Spätestens an diesem Punkt wäre es der Gier schlussendlich gelungen, dem Fahrrad all seine Smartness zu nehmen, die es bereits heute besitzt, und sie ins absolute Gegenteil, nämlich die vollständige Abhängigkeit zu verkehren.

Nicht die Technlogie macht den Menschen smart. Das funktionierte schon bei Ikarus nicht gut. Facebook führt dieser Tage erneut sehr eindrucksvoll vor, wohin ein Werkzeug gerät, dem die Anwender nicht mehr folgen können: »Die ganzen Poserfotos nerven mich. Facebook rät: Abonniere keine Poser mehr.« Stattdessen muss umgekehrt gelten: Der smarte Mensch setzt Technologie richtig ein. Das Fahrrad gilt seit Ende des 19. Jahrhunderts als weitgehend ausgereift. Es verdient nicht deshalb den Ruf als genialstes aller Verkehrsmittel, weil ihm ständig zusätzliche Hochtechnologie vepasst würde — sondern schlicht, weil es dem Menschen dient und dessen Potenziale freisetzt. Das beginnt damit, das mechanische System Fahrrad selbst verstehen und gestalten zu können, führt über radelnde Menschen, die ihre inneren Kräfte entfesseln und endet längst nicht bei seiner Wirkung als Verstärker von Freude und Lebensqualität oder seinem großen gesellschaftlichen Nutzen. Wer das Fahrrad durch Technlogie smart machen möchte, ist nicht smart genug, zu begreifen, dass es ganz ohne Bits und Bytes längst den Gipfel der Smartness erreicht hat. Eine Entwicklungsstufe, die das Automobil per se niemals erreichen wird.

Obacht, Querschläger!

Die schönste Eigenschaft von leeren Worthülsen besteht darin, dass sie sich spielend leicht ebenso gegen den Absender wenden lassen. Selbst im Ministeriums-Sprech erfüllt das Fahrrad auch in seiner einfachsten Form bereits alle feuchten Zukunftsfantasien: Es ist innovativ, digital, sozial, gesund, effizient, autark, sicher, elektrisch — übrigens ganz ohne Strom — und verträglich. Um das zu veranschaulichen, bietet 2oom! hier ein Info-Poster im Format Din A1 an: zum kostenlosen Downloaden, Ausdrucken und Aufhängen. Und zwar mindestens überall dort, wo entscheidende Figuren noch nicht smart genug sind, zu begreifen, was die Welt am herkömmlichen Fahrrad hat. Ganz ohne technologischen Schnickschnack. Die Euphorie über das am Ende völlig nutzlose Heilsversprechen namens Smart Bike mutet mittelalterlich an; es ist dies lediglich das Geprahle von Möchtegern-Baronen über ihre schmuckvollen Satteltaschen, während sie gleichzeitig aber keine Ahnung von den Fähigkeiten eines Pferdes haben. Es wird Zeit, auf dem analogen Fahrrad in die Zukunft der Mobilität zurückzukehren.

Veröffentlicht unter: http://2oom.de/zurueck-in-die-zukunft/

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