Schöne Grüße von Lord Helmchen

 

19.06.2013
Ideologie

Richtersprüche schaffen mitunter Präzedenzfälle. Im Fall des Falls der Glücksburger Radfahrerin scheint die Entwicklung allerdings mit Vollgas in die falsche Richtung zu brettern. Warum ein Fahrradhelm eben doch keine so logische Wahl ist.
Text: Johannes P. Reimann  |  Foto: Skitterphoto

Die Frage, ob ein Fahrradhelm schützt oder nicht und ob das Tragen zur Pflicht erklärt werden sollte oder nicht, spaltet bereits seit Jahrzehnten die Experten, Politiker, Aktivisten und Radfahrer. Für gewöhnlich verlaufen die Fronten relativ klar: Auf der einen Seite die Befürworter, die die Schutzwirkung der Kunststoffschale propagieren, auf der anderen Seite die Gegner der Helmpflicht, die entweder auf Entscheidungsfreiheit pochen oder gar viele empirische Belege hinter sich zu wissen glauben, die einen höheren negativen Effekt auf das Radfahren als positiven Effekt auf den individuellen, ereignisbezogenen Schutz belegen sollen. Schwebte das jahrelange Kräftemessen der Argumente noch bis vor Kurzem in spannungsgeladener, aber dennoch gleichgewichtiger Balance, hat das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein nun ein eindeutiges Signal gesetzt: Wer als Radfahrer in einen Straßenverkehrsunfall gerät und sich eine Kopfverletzung zuzieht, trägt daran eine Mitschuld, wenn er sich nicht durch einen Fahrradhelm geschützt hat. Schon ist Fahrraddeutschland in brodelndem Aufruhr ob dieser skandalösen Zuschreibung. Doch eine pauschale Kritik am Urteil führt nicht zum Ziel ohne die Erkenntnis, dass sich hinter dem Problem mindestens drei einzelne verbergen. Der Kern der Sache aber liegt noch tiefer.

Es könnte alles so einfach sein ….

Problem #1: der Radfahrer-Alltag mit Helm — Wer sich heute mit dem Fahrrad auf Deutschlands Straßen fortbewegt, lebt gefährlich. Daran ändern auch Kampagnen zur Förderung einer fahrradfreundlichen Mobilitätskultur zumindest auf kurze Sicht nur wenig; doch auch die Radl-Rambo-Einlassungen diverser hoher Funktionsträger arbeiten nicht aktiv an der Bewältigung der multiplen Konflikte im Straßenverkehr mit. Es herrscht das Recht des Stärkeren und dieser PS-Darwinismus führt in der Regel dazu, dass sich der relativ stärkere Verkehrsteilnehmer ob seiner Potenz eben zusätzlich Teile der Bewegungsfläche des schwächeren Teilnehmers aneignet; das gilt im Verhältnis Kraftfahrzeuge zu Radfahrern genauso wie Radfahrer zu Fußgängern und Kraftfahrzeuge zu Fußgängern.

Es klingt zunächst plausibel, wenn Kritiker der Helmpflicht behaupten und Studien zitieren, dass sich der latent aggressive Autofahrer eben noch ein wenig mehr Platz herausnimmt und dem Radfahrer weniger lässt, wenn er diesen durch einen Helm geschützt wähnt. Genauso steht auch das Argument im Raum, Radfahrer selbst würden sich mit Helm häufiger in Gefahr begeben, weil sie sich eben sicherer fühlten. So stellt Dr. Ian Walker, der Autor der oben zitierten Sicherheitsabstands-Studie, in einem Blogbeitrag fest,

»that people might adapt their behaviour to take more risks whenever they start to feel safer. We have no hard evidence on this, but it is plausible, given what we have seen elsewhere in traffic, that helmets make riders feel safer and they respond to this by taking more chances.«

Genau diesen Sachverhalt will wiederum eine andere Studie widerlegt haben. Sie kommt zu dem Schluss, dass

»Cyclists who choose to wear helmets commit fewer traffic violations, have higher socioeconomic status, and are more likely to wear high visibility clothing and use lights at night.«

Problem #2: die verordnete Helmnutzung — Kritiker orakeln im Falle einer Helmpflicht immer wieder das Ende der Fahrradkultur und verweisen dafür zum Beispiel auf Australien, wo eben jene zu einem Einbruch des Radverkehrsanteils von bis zu 40 Prozent geführt habe — in bestimmten Bevölkerungsgruppen sogar bis zu 80 Prozent. Laut einem Beitrag im New Zealand Medical Journal verbrächten Radler seit Einführung der Helmpflicht im Inselstaat bis zu 53 Prozent weniger Zeit auf ihrem Drahtesel. Die New York Times erklärte vor zwölf Jahren, der erhöhte Gebrauch von Fahrradhelmen zeitige schlicht keine Wirkung; die Zahl von Kopfverletzungen sei absolut zwar gleich geblieben, relativ aber gestiegen, weil im gleichen Zeitraum weniger Radfahrer unterwegs waren. Andere sehen, möglicherweise zu Recht, nicht ein, weshalb eine Helmpflicht nur Radfahrer betreffen sollte und entwickeln — zunächst eher satirisch — die Vision eines Auto-Helms.

Problem #3: der Helm selbst — Sogar die Schutzwirkung eines Fahrradhelms im Falle eines Sturzes ist umstritten. Zehren die Befürworter auf der einen Seite noch immer von den Ergebnissen einer Studie aus dem Jahr 1989, die ein um 85 Prozent verringertes Risiko zu Kopfverletzungen nachgewiesen haben will, scheinen aktuelle Daten aus Kanada Gegenteiliges zu bestätigen. Andere Autoren denken mit den Mitteln der Logik darüber nach und argumentieren:

»The idea that a 4000 pound steel box moving at 35 miles per hour would have limited effect against a plastic and Styrofoam bowl, that weighs less than a pound, is an ignorant one, at best.«

Selbst unter der Annahme, dass einem Fahrradhelm tatsächlich eine Schutzwirkung inhärent sei, unterscheidet sich diese selbstverständlich von Modell zu Modell.

Helm ab zum Gebet!

Die Autorin Elly Blue bewertet all die vorliegenden Studien als bestenfalls »schwach und unschlüssig« und sieht Befürworter wie Gegner des Fahrradhelms gleichermaßen aufmunitioniert – die Sachlage scheint sich also zu gestalten wie üblich, wenn Daten und Zahlen lediglich als Kanonenfutter im Kampf für die eigenen Überzeugungen dienen, die selbst aber nicht veränderlich sind. Während Blue ihren Beitrag aber mit der Vermutung schließt, die großartige Helmfrage sei überhaupt schon falsch gestellt, gewinne ich derselben zumindest die Auffassung ab, sie bestehe aus diversen Teilfragen: Schützt ein Fahrradhelm bei Unfällen, und wenn ja, bei welchen und wie? Schützt ein Fahrradhelm vor Unfällen, und wenn ja, wie? Hat ein Fahrradhelm Nebenwirkungen, und wenn ja, wie schwere und welche? Schützt ein Fahrradhelm bei freiwilliger Anwendung? Verändert die Pflicht zum Helmtragen die Antworten auf die vorhergehenden Fragen und wenn ja, welche, wie stark und in welche Richtung? Die aktuelle Debatte um die Helmpflicht wirft all diese Einzelfragen sehr gerne in einen Topf und rührt kräftig darin herum; genauso wenig trennen die um keine Antwort verlegenen Köche zwischen den für eine zielführende Untersuchung zu messenden Größen wie Unfallhäufigkeit, Unfallwahrscheinlichkeit, Unfallschwere, Unfallwirkungen, Unfallursachen, Unfallbeteiligten, Ihrem Anteil und Ihrer Verantwortung beim Unfall und vielen weiteren. Weil das System Straßenverkehr sich aber aus so vielen Faktoren und ihren hochkomplexen Wechselwirkungen zusammensetzt, kann die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Helmpflicht für Radfahrer gar nicht beantwortet werden, solange sie ausschließlich auf den Radfahrer bezogen bleibt. Myriaden von Experten und Politikern versuchen es dennoch.

Der Grund liegt auf der Hand: Wer den Fahrradhelm als Kristallisationspunkt der Debatte um den Raumkonflikt inszeniert und demzufolge den Radfahrer als Sündenbock für mangelnde Verkehrssicherheit durch das Dorf der wilden Theorien treibt, hat einmal mehr erfolgreich von den wahren Verursachern von Ungerechtigkeit, Unsicherheit, Risiko und Tod abgelenkt. Unerwartet leistet jetzt ein deutsches Gericht Schützenhilfe zur Rhetorik des Straßen-Darwinismus und gießt durch sein Urteil die bisher nur herbeigewünschte Wahrheit in das Blei der amtlichen Druckerpresse:

»Fahrradfahrer sind heutzutage jedoch im täglichen Straßenverkehr einem besonderen Verletzungsrisiko ausgesetzt. Der gegenwärtige Straßenverkehr ist besonders dicht, wobei motorisierte Fahrzeuge dominieren und Radfahrer von Kraftfahrern oftmals nur als störende Hindernisse im frei fließenden Verkehr empfunden werden.«

Indem es die Behauptung von der Schutzwirkung des Fahrradhelmes zusätzlich zur »einmütigen Einschätzung der Sicherheitsexperten« erklärt und sogar normativ unterstellt,

»dass ein verständiger Mensch zur Vermeidung eigenen Schadens beim Radfahren einen Helm tragen wird, soweit er sich in den öffentlichen Straßenverkehr mit dem dargestellten besonderen Verletzungsrisiko begibt.«,

schafft es eine neue Rechtssituation auf Basis sehr vager Annahmen und fegt gleichzeitig die vergangenen Jahrzehnte der kontroversen Auseinandersetzung leichtfertig vom Tisch. Unwichtig, ob die Richter die komplexe Gemengelage einfach nicht durchschauen konnten oder ob sie sich von den falschen Leuten haben beraten lassen: Das Urteil kommt einer Besorgnis erregenden Basta-Politik durch die Judikative gleich und öffnet selbstredend der gesetzlichen Helmpflicht Tor und Tür. Wer wird sich ab jetzt noch trauen, Reformen im Verkehr und eine Veränderung unseres Mobilitätsverhaltens, gar eine Verkehrswende, anzumahnen — wo doch Radfahrer soeben höchstrichterlich dazu verknackt wurden, als ›verständige Menschen‹ die Umstände nun einmal so zu akzeptieren, wie sie sind — und auch noch das Risiko dafür zu tragen?

Dieser Beitrag erschien zuerst auf raumblog.de

Veröffentlicht unter: http://2oom.de/schoene-gruesse-von-lord-helmchen/

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