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Habe Mut, Dich Deines Feuers zu bedienen!

 

21.05.2017
Begeisterung

Glücksgerät, Lustrakete und Heldenmacher: Dazu kann das Fahrrad werden — für alle, die das Prinzip Leidenschaft begreifen.
Text: Johannes P. Reimann  |  Foto: Fotownetrza

Bestimmt bist Du schon mal einer Heldin oder einem Helden persönlich begegnet. Mag sein, dass er oder sie kein S auf der Brust trug, bei Frust nicht grün anlief oder auch keinen unkaputtbaren Metallschild in den US-amerikanischen Nationalfarben mit sich führte. Aber dieses Leuchten aus dem Innern heraus hast Du bestimmt schon bei mehr als einer Person beobachtet. Dieses Funkeln in den Augen, wenn sie von den Dingen erzählen, die sie begeistern und für die sie auch so manche Strapaze auf sich nehmen. Du hast gespürt, dass etwas sie antreibt. Und wenn Du ehrlich bist, fällt Dir, während Du genau in diesem Augenblick darüber nachdenkst, bestimmt mehr als nur einer dieser Menschen in Deinem Freundes- und Bekanntenkreis ein. Wenn Dich auch manches Mal das Gefühl beschleicht, die Welt werde mittlerweile nur noch bevölkert von Zombies, die sich keine Mühe geben; oder die sich rücksichtslos alles nehmen, was sie wollen; oder die sich permanent von der Angst treiben lassen, etwas zu verpassen — diese Menschen gehören nicht dazu, bilden eine heilsame Ausnahme. Sie lassen sich nicht beirren und segeln unbeeindruckt von der öffentlichen Meinung dorthin, wohin ihr Herz sie führt

Ed Sheeran macht nicht einmal gute Musik und bei Edward Snowden kann niemand sicher sein, dass er sich eines Tages nicht doch noch als russischer PR-Gag herausstellt. Beide sind auf jeden Fall ein Produkt unserer hyperventilierenden Medienkultur, sie entsprechen als wohl kaum dem Typus Mensch, den ich hier zu beschreiben versuche. Die gute Hausfee dagegen schon, die den gemeinschaftlichen Garten mit Freude, Hingebung und Geduld pflegt und ihn auf diese Weise zu einem paradiesischen Ort auch für alle macht; oder der Verkäufer am Kaffee-Mobil, der seine Kundschaft nicht bloß abfertigt, sondern über den reinen Job hinausgeht und für jeden und jede noch ein persönliches Gespräch übrig hat; oder gern auch der Programmierer bei einem großen Online-Händler, der sich mit Lust in jede neue Aufgabe stürzt und nicht nur die Ergebnisse, sondern auch seine eigenen Fähigkeiten immer wieder freudig verbessert. Auch Karl von Drais könnte ein Mann von diesem Schlag gewesen sein. Als Forstmeister musst er sich um sein Einkommen eigentlich nicht sorgen. Doch echte Erfüllung fand er im Tüfteln, ließ sich dafür sogar von seinem Dienst freistellen. Letztendlich opferte er die materielle Sicherheit seinem Drang, Neues zu erdenken, zu erschaffen und zu erproben. Unvernunft und Wahn — oder vielleicht doch pure Leidenschaft? Während sein Erfinder verarmt starb, hat das Fahrrad die Welt nun schon zweihundert Jahre lang auf unglaubliche Weise bereichert. Und fährt weiter damit fort.

»Bei allem, was Dir wichtig ist, machst Du keine halben Sachen.«

Weil die meisten Industrien hierzulande sehr viel Geld an permanent konsumierenden und kopulierenden Zielgruppen verdienen, gehen sie mit Hinweisen auf den eigenen inneren Antrieb des mündigen Individuums sehr sparsam um; nur wenige Häuser trauen sich, in ihrer Werbung die kreative und schöpferische Kraft des Menschen zu adressieren. Dabei stellt die Leidenschaft eigentlich nicht weniger dar als das ultimative Patentrezept für ein glückliches Leben. Denn sie befreit Geist und Herz automatisch von jeder Fremdsteuerung und von jedem Irrtum, schön, gut und richtig sei, was so genannte Trendsetter diktieren. Sie führt die freie Persönlichkeit auf die Spur, die ihr am meisten entspricht und vor allem: bringt sie voran. Denn Stagnation und selbstgefällige Besserwisserei, mithin der schleichende Tod jeder Hochkultur, haben vor glühender Leidenschaft keinen Bestand. Noch mehr: Neben der Liebe — die übrigens selbst auch Leidenschaft enthält — dürfte sie als die einzige Kraft gelten, die den Anwender über sich hinauswachsen lässt. Freiheit von sich selbst … ein erfrischender Gegenentwurf zur epidemisch grassierenden Egomanie der verzagten Seelen.

Aber Vorsicht: Leidenschaft braucht eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein. Seinen eigenen Standpunkt zu vertreten, seine Vorlieben offen auszuleben und auffällige Unterschiede zur grauen Masse bewusst in Kauf zu nehmen, ist sicherlich nichts für schwache Nerven. Wer mit jeder Faser seines Handelns und Seins nach Bestätigung durch andere lechzt, sollte von diesem scharfen Zeug lieber die Finger lassen. Wer aber in sich ruht, seine eigenen Stärken und Grenzen kennt und Andersartigkeit auch beim Gegenüber akzeptiert, der kann sich Raketenschuhe unter die Füße schnallen, gefüllt mit der Leidenschaft als Treibstoff, und sich, ganz ohne Drogen, zu neuen Ebenen eines intensiven Lebens aufschwingen. Momente tief erleben, Herausforderungen mit Bravour meistern, anderen Menschen große Freude bereiten, großartige Werke vollbringen — einfach, weil es geht. Leidenschaft verhilft zu einer Befriedigung, die weit mehr umfasst als den simplen körperlichen Koitus. Und sie infiziert: Wer ihr einmal verfiel, dem offenbaren Dinge und Mitmenschen wie selbstverständlich, ob sie vor Biederkeit am liebsten im nächsten Schatten verschwinden möchten, oder ob sie aus demselben Stoff gemacht sind wie die stillen, aber leuchtenden Helden unserer Welt. Sobald Du Dein inneres Feuer entfacht hast, wirst Du lange nicht mehr in den trüben, kalten Nebel der Belanglosigkeit zurückkehren wollen.

»Ride as much or as little, or as long or as short as you feel. But ride.«

Solltest Du keine Raketenschuhe zur Hand haben, um Deine Wallungen zu entfesseln, tut es auch das Fahrrad. Genau genommen sogar deutlich klimaneutraler. Denn mit seiner Hilfe setzt Du Deine Leidenschaft in direkte Bewegung um. Das macht Dich glücklich. Es behaupte noch einer, in unserem Sonnensystem fände sich ein genialeres Prinzip als dieses: Mit der Power, die Dir selbst innewohnt, kannst Du gleichzeitig einen Zweck verfolgen und Dich dem Genuss hingeben. Das Fahrrad als perfektes Glücksgerät — es fügt nicht fremden Reiz oder künstliche Wirkung von außen hinzu, wie etwa Verbrennungsmotoren oder Betäubungsmittel, sondern erschließt Deine eigene innere Quelle des Entzückens. Nährt Dein Feuer und lässt es wachsen. Völlig ohne Zulassung, TÜV-Plakette und Rezept. Denn für die zwei schönsten Handlungen im Rahmen des menschlichen Daseins, davon ist Radfahren die eine, benötigt zum Glück niemand einen Führerschein. Einzige Bedingung: Du musst es aktiv tun. Das gilt übrigens für beide. Nur davon zu träumen vermittelt höchstens eine schwache Ahnung vom sinnlichen Vergnügen in seiner ganzen Fülle.

Während Gier und Prüderie weiter um sich greifen, um nicht nur das freie Denken, sondern auch das freie Erleben zu maßregeln und schlussendlich zu konformisieren, können die Heldinnen und Helden der Leidenschaft ihre unbekümmerte Unbeugsamkeit dazu nutzen, offen nach außen zu tragen, was ihnen als Antrieb und freiwillige Verpflichtung gilt. Dem guten alten Drahtesel widerfuhr in dieser Hinsicht bislang kaum eine Befreiung; noch immer erleben wir ihn als versklavten Spielball, um den verkniffenes Gutmenschentum auf der einen und moralisierende Profilneurose auf der anderen Seite ein wahnhaftes Tauziehen vollführen, während die planende Ratio abseits steht und wirr von realitätsfernen Systemen plappert, unter dem heimtückischen Händereiben derer, die in künftigen Orgien der Obrigkeit klingende Münze wittern. Doch Dein Feuer befreit Dich von dem Irrtum, Lust sei, was andere Dir verordnen oder erlauben. Entfache es, lasse den Funken überspringen. Schwinge Dich in den Sattel und erlebe den Rausch der Bewegung, wenn die Wirklichkeit um Dich herum Deine Haut umschmeichelt wie ein warmer Sommerwind. Dein innerer Kompass wird Dir den Weg weisen und Dich zu Deinem Antrieb, Deiner Leidenschaft führen — und damit zu Dir selbst.

»Schrei‘ vor Glück!«

Wenn Du dann Deine Heldenkräfte erfolgreich aufgespürt hast und das glühende Leuchten Dich beseelt, bist Du eingeladen, Deine Freude weiterzutragen und Deinen Mitmenschen davon zu berichten. Das kannst Du tun, indem Du ganze Epen über Deine Suche und Deine Entdeckung erzählst oder singst, gleich der Odyssee des Homer; oder indem Du mit Deinen Mitmenschen gemeinsam eine Fahrt auf dem Fahrrad unternimmst. Strecke und Ziel erscheinen dabei zweitrangig; das Fahrgefühl stiftet den Genuss. Du kannst auch beides kombinieren, nur solltest Du darauf achten, während Du Fahrrad fährst und dabei gleichzeitig von Deinen Abenteuern singst, die Straßenverkehrsregeln nich außer Acht zu lassen. Für den Fall, dass Du Dir die Offenbarung buchstäblich auf die Brust schreiben möchtest, kann ich helfen: Die beiden oben abgebildeten Motive — also ›Lustrakete‹ und ›200 Jahre Glücksgerät‹ — wirken recht kleidsam. Du kannst Sie auf jegliches Textil aufbringen lassen, aber auch auf Tassen, Smartphone-Cases, Taschen oder Rucksäcken machen sie eine gute Figur. Du findest sie hier zum kostenlosen Download. Das Passwort entspricht dem Dateinamen.

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