Edel sei der Mensch, radelnd und gut

 

04.07.2016
Miteinander

Ein kommerzieller Fußball-Werbespot entpuppt sich als Lehrstück für lupenreinen Humanismus — nur echt mit Fahrrad.
Text: Johannes P. Reimann  |  Foto: gosiadziekujeza

Die Fußball-Europameisterschaft 2016 steuert auf ihren Höhepunkt zu. In den bedeutsamsten drei Spielen stehen sich ab kommendem Donnerstag zunächst die besten vier, am Sonntag schließlich noch die besten zwei Mannschaften der Alten Welt gegenüber. Sie haben sich gegen die bislang größte Zahl der Konkurrenten durchgesetzt, die dieser Wettbewerb jemals aufbot. Doch den wahren Helden gibt eine beinahe zweihundert Jahre alte Legende, die selbst ihren Dienst an einer nicht ganz so alten Sagengestalt versieht — die Rede ist selbstverständlich vom bereits in den Promi-Olymp aufgestiegenen Ausnahme-Schiedsrichter Pierluigi Collina. Und der fährt Fahrrad.

Schattenspiel

Den kritischen Stimmen sei an dieser Stelle Recht erteilt: Der TV-Spot zur UEFA-Kampagne #CelebrateFootball ist nicht ganz authentisch gelungen, in das Briefing mögen sich Stichworte wie ›Instagram-Filter‹ und ›Heile-Welt-Optik‹ verirrt haben. Allein, die Botschaft trifft, und zwar mehrfach. Es geht um Respekt. Vordergründung zielt das auf die Fairness der Fußball spielenden Jugendlichen auf einem geleckten Rasen im Schatten des Eiffelturms, die nach einer kurzen Rangelei ihren Disput sogleich sauber und zufriedenstellend bereinigen. Mit gütigen Augen — und leuchtender Glatze — wacht darüber, gleich einer väterlichen Götterfigur, der wohl populärste Schiedsrichter, den der Kontinent jemals sah, und der zugleich für den laufenden Wettbewerb die Aufsicht führt über alle Gerechten und Rechtschaffenen auf dem grünen Rasen. Internationale Medien stimmen überein, dass die Offiziellen, im Gegensatz zur vergangenen Weltmeisterschaft, diesmal einen ziemlich guten Job machen. Collina scheint also zu wissen, welchen Blick er in Sachen Fairness aufsetzen muss.

Doch die Filmchenmacher fügen fast subtil noch eine zweite Bedeutungsebene hinzu: Respekt gegenüber der Umwelt. Das drückt sich aus in den grünen Wipfeln zwischen innerstädtischen Wohnbauten vor blauem Pariser Himmel, in Szenen am Bahnhof und im TGV — in der dreißigsekündigen deutschen Fassung herausgeschnitten, im Original aber sehr gut nachzusehen —, in der permanenten Abwesenheit von Autoverkehr und, ja, eben darin, dass der Hauptprotagonist radelt. Überhaupt beginnt der Spot mit einer Fahrradklingel. Doch gegenüber diesem markanten Signal bleibt der Rest weich und undeutlich. Sei es, um jeglichen Vorwurf der Produktplatzierung von vornherein auszuschließen: Keines der Verkehrsmittel tritt selbst auf, ob in der Totale oder auch nur der Halbtotale, jedes lässt sich nur anhand von Formen, Geräuschen, Umgebung oder Ausschnitten erahnen. Beim Drahtesel, auf der die weiseste aller Trillerpfeifen thront, führt das dazu, dass sein Schatten als Quasi-Scherenschnitt die Stellvertretung übernimmt. Eine möglicherweise aus Verlegenheit entstandene Einstellung — mit überaus großer Wirkung.

Edle Einfalt. Stille Größe.

Eine Verkehrswende, eine soziale Revolution oder auch der Aufstieg des menschlichen Geistes zu einer neuen Stufe des Bewusstseins werden niemals hupend und motorgrölend in die Wirklichkeit hereinbrechen. Sie werden nicht auf Drehscheiben posierend, mit teurem Lack poliert und von grellem Licht angestrahlt, eine gekünstelte Illusion der Unverzichtbarkeit erzeugen. Sie werden auch nicht an ihren neurotischen Ambitionen ersticken und in ihren uneinlösbaren Heilsversprechen ertrinken. Sie werden stattdessen herbeiradeln, sich wie beruhigende Schatten an unser Leben heften und stumm ihr gutes Werk verrichten. Sie werden unser Tempo drosseln, sodass wir uns selbst wieder folgen können, dass wir Blick- und näheren Kontakt herstellen können, interagieren, uns untereinander verständigen.

Denn weit hinter jedem plumpen und weichgespülten Nachhaltigkeitssymbol dürfte darin die wahre und mutige, wenn auch vielleicht unbeabsichtigte Botschaft dieses TV-Spots zutage treten: Nichts, das den Menschen betrifft, kann ohne menschliche Begegnung stattfinden. Man stelle sich vor, Collina wäre im Clip mit einem SUV aufs Spielfeld vorgefahren. Von der Empörung des Pariser Grünflächenamts mal abgesehen: Weder hätte er mit seinem Smartphone Fotos schießen, noch mit den Jugendlichen direkten und persönlichen Kontakt aufnehmen können. Der blanke Gegenentwurf findet sich dieser Tage bei VW: Der Wolfsburger Konzern wirbt im Zusammenhang mit der Euro 2016 für seine Allstar-Sondermodelle — mit einem abgeschotteten Ambiente, das sich an Künstlichkeit und Lebensferne nicht mehr überbieten lässt und überdies ganz bewusst viele Menschengruppen, etwa Kinder und Jugendliche, Geringverdiener, Menschen ohne Führerschein, direkt ausschließt. Das Fahrrad dagegen steht für Nähe, Natürlichkeit, Authentizität. Dabei spielt es nicht einmal die Hauptrolle, sondern begnügt sich sogar mit einem Schattendasein. Es spielt sich nicht auf, sondern dient, versetzt den Menschen in die Lage, er selbst zu sein — und stellt dessen Respekt vor sich selbst wieder her. Johann Wolfgang von Goethe hätte Luftsprünge vollführt.

Veröffentlicht unter: http://2oom.de/edel-sei-der-mensch-radelnd-und-gut/

Ausdruck nur für private Zwecke. Keine Weitergabe und Vervielfältigung. Alle Rechte vorbehalten.

3 Kommentare

#1von 2oom! » Auf dem Fahrrad ins Kanzleramt am 27. Februar 2017 um 09.12 Uhr:
[…] denn damit lässt sich, während man doch um einiges schneller voranstrebt als zu Fuß, trotzdem aufs Vorzügliche die Humanität wahren. Einzig der Stau kann im Kraftverkehr Gemeinschaft schmieden, aber auch nur im Sinne einer […]

#2von 2oom! » Zurück in die Zukunft! am 5. August 2017 um 17.14 Uhr:
[…] nicht das Interesse, die wahren Fähigkeiten des Fahrrads vollumfassend zu nutzen und damit menschenfreundliche Mobilität zu gestalten. Es grassiert unter einigen wenigen wohl vielmehr die nackte Angst, […]

#3von raumblog.de » Auf dem Fahrrad ins Kanzleramt am 24. September 2017 um 11.58 Uhr:
[…] Denn damit lässt sich, während man doch um einiges schneller voranstrebt als zu Fuß, trotzdem aufs Vorzügliche die Humanität wahren. Einzig der Stau kann im Kraftverkehr Gemeinschaft schmieden, aber auch nur im Sinne einer […]