Die verflixte siebte Fahrt

 

25.06.2017
Gerechtigkeit

Weshalb soll nicht auch das Radlervolk sich auf heilige Zahlen stützen dürfen?
Text: Johannes P. Reimann  |  Foto: Pexels

Es ist dieses eine, schillernde Argument, das mittlerweile so oft ungeprüft und bar jeder Vernunft wiederholt wurde, dass es längst ins kollektive Erbgut übergegangen scheint; unlöschbar einprogrammiert in die Hightech-Schablone des höchsten organischen Lebens in der Bundesrepublik: »Jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland hängt vom Automobil ab.« Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil klammert sich an diese als Gewissheit getarnte Täuschung in den Zeiten, als sich die Füße des monumentalen Götzenbildes tönern erweisen: Datentrickserei statt Klimaschutztechnologie. Des Bundesverkehrsminister Dobrindts Sachkenntnis besteht beinahe ausschließlich aus Allgemeinplätzen. Selbst die Mutti der Nation, Bundeskanzlerin Angela Merkel, zählt diese Plattitüde für geistig arme Menschen zu ihrem Standard-Repertoire. Unwichtig, dass die Quote der Wirklichkeit nicht im Ansatz standhält — muss sie auch nicht. Sie soll als Blendwerk lediglich eingängig sein und an möglichst vielen Stammtischen für die Illusion von Erkenntnis sorgen, damit anschließend der Spender alles Guten, mithin also die Bundesregierung, aus Dankbarkeit für diesen Geistesblitz auf Billigniveau wiedergewählt wird. Unwichtig auch, dass deren wirtschafts- und klimapolitisches Versagen umso greller erstrahlt, je häufiger der falsche Satz im Brustton der Überzeugung erklingt. Stets schwingt ein unausgesprochener Schwur auf die Zukunft mit: ›Wenn es nach uns geht, soll das andauern bis in alle Ewigkeit.‹ Die realitätsferne Weigerung, Modernisierung anzuschieben und Strukturwandel zu gestalten, lässt sich kaum prägnanter in Worte fassen.

Im siebten Himmel

Allein, die Phrase wirkt, sehr zum Verdruss aller Vernünftigen. Denn die Zahl sieben, selbst eine der mächtigsten Metaphern der deutschen Sprache, verleiht dem eigentlich falschen und widerwärtigen Konstrukt den Glanz des Außergewöhnlichen und den unschuldigen Anschein von Wahrheit. Der siebte Sinn lässt den Menschen über seine irdischen Fähigkeiten hinauswachsen und sich dem Göttlichen nähern; wer auf Wolke sieben schwebt, wähnt sich der Mühsal des Alltäglichen entrückt. Die Weltwunder summieren sich, erraten, auf sieben. In der Bibel, einem Dokument nicht ohne Einfluss auf die Kultur des christlichen Abendlandes, steht die Zahl gar für das Allerhöchste, das die menschliche Vorstellungskraft überhaupt gerade noch fassen kann: göttliche Vollkommenheit. Wie könnte also eine Weisheit wie diejenige von den Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie jemals anders verstanden werden denn als reine, uneigennützige und erlösende Heilsbotschaft, die alle Anfeindung der Kleingläubigen überdauern wird? So, wie Gott einst nach der anstrengenden Schöpfung der Welt am siebten Tag ausruhte, so findet auch die geschundene Seele der auerwählten Kinder des Autos Ruhe und Labsal in der heiligen Ziffer.

Niemandem käme in den Sinn, dass die sieben Geißlein nur Dank der Mutter den Jieper des Wolfes überlebten, dass Ehepaare ihrem verflixten siebten Jahr entgegenzittern und dass die sieben Todsünden nicht nur einem fiktiven Serienkiller als Leitmotiv dienten, sondern auch ganz real das maximale christliche Horrorpotenzial aufbieten. Egal ob beim Online-Dating oder bei der Bewerbung für einen Job, Kandidaten müssen stets darauf vorbereitet sein, ausgesiebt zu werden. Pro Sieben gehört von der Weltgesundheitsorganisation geächtet. Sieben von zehn Verkehrsunfallopfern, das läppert sich über’s Jahr immerhin auf rund 2.100 Menschen in Deutschland, weden von Autofahrern und ihren Unheilsmaschinen totgeschlagen. Wahrlich keine paradiesischen Nachrichten. Aber das sollten uns die vielen Arbeitsplätze in der Automobilindustrie wirklich Wert sein, oder nicht?

Beton im Kopf

Über sieben Brücken musst Du gehen. Weshalb also das Spiel nicht umkehren? Einen schnellen Konter einleiten? Jeder siebte Arbeitsplatz in der Personenfahrzeugbranche, die tatsächlichen Werte von Automobil– und Fahrradwirtschaft einmal zusammengerechnet, hängt vom Drahtesel ab. Und: Jede siebte Fahrt im Individualverkehr findet auf dem Fahrrad statt. Besonders diese Botschaft hat das Zeug, deutlich an Boden gutzumachen für den Drahtesel. Und zwar in des Wortes wahrster Bedeutung. Denn während der Kraftwagen seine immense Relevanz schon lange erfolgreich aus solch fragilem Blendwerk bezieht, gehen die Pedalierenden regelmäßig leer aus. Diese Politik verstößt aber gleichermaßen gegen die Prinzipien der Nachhaltigkeit und der Gerechtigkeit und ist einer aufgeklärten, vernunftbegabten Wissensgesellschaft absolut unwürdig. Unglücklicherweise gelingt es den Freunden des Vélos nur sehr selten, einen gefälligen und gleichzeitig eindrücklichen Nachweis über Nützlichkeit und Luststeigerung ihres Gefährts zu erbringen. Stattdessen verkämpfen sie sich gerne untereinander, beispielsweise im Dogmenstreit über das Fahren auf der Fahrbahn versus im Seitenraum, und lassen solche Konflikte bis zur Unauflösbarkeit verhärten — sehr zur Freude der vorbeirrauschenden Vierrädrigen. Oder sie fordern direkt ein vollständiges Verbot der Höllenmaschinen, bleiben aber die Antwort schuldig, wie das so plötzlich funktionieren soll, wo weite Teile des Landes doch nur mit dem Automobil zu erreichen sind.

Deshalb ist klug beraten, wer nach den Zwischentönen sucht und seine Mission nicht darin sieht, die ganze Welt auf einmal zu beglücken; sondern stattdessen einzelne Schritte zu machen, sie so zu bemessen, dass ihnen jeder zumutbar folgen kann. Jede siebte Fahrt im Individualverkehr findet auf dem Fahrrad statt. Aus diesem Merksatz lässt sich doch bestimmt ein pfiffiger Gedanke schneidern. Etwa die Feststellung, dass diesem Gewicht im Verkehrsgeschehen die Verteilung aller Flächen nicht annähernd Rechnung trägt. Aber halt: Auch dieses Rad könnte sich zum Drehen noch als zu groß erweisen. Noch ein bisschen tiefer stapeln, bitte. Wie wäre es damit: Neulich ging ich, wie jeden Tag, meine Straße entlang, die hier in Berlin eigentlich gar nicht mehr so schmal genannt werden kann, wie es in den beengten Verhältnissen in Trier noch überall der Fall gewesen war. Ich wunderte mich, weshalb bei einem vergleichsweise üppigen Platzangebot wieder nur Stellplätze für Pkw zur Verfügung stehen, aber keine für Fahrräder. Jeder weiß doch, dass Berlins Hinterhöfe und Keller vor lauter Fahrrädern aus allen Nähten platzen; und die aller anderen Städte in Deutschland vermutlich auch. Was, dachte ich mir also, wenn man jeden siebten öffentlichen Pkw-Stellplatz in Stellfläche für Fahrräder umwandelte — und selbstverständlich mit reifenfreundlichen und diebstahlsicheren Abstellbügeln versähe?

Sechs zu eins!

Das brächte einen enormen Effizienzgewinn und bräche doch keine Revolution vom Zaun. Das — menschenverachtende — Gleichgewicht der Kräfte bliebe im Großen und Ganzen erhalten, niemand müsste um seinen Besitzstand fürchten. Im Fußball gehören solche Verhältnisse zum guten Ton: Die weit überlegende Mannschaft gönnt dem nicht ebenbürtigen Gegner gern auch mal einen Ehrentreffer. Ein Endstand von sechs zu eins etwa drückt umso schöner aus, dass die eigene Dominanz trotz der heftigen Gegenwehr über jeden Zweifel erhaben blieb. Der Clou: Niemand muss sich den Vorwurf der totalen Alleinherrschaft gefallen lassen. Wer dauerhaft bremst und blockiert, verliert letztlich jeden Respekt, am Ende selbst den der eingschworenen Fans. Wer aber andere an seinem Spiel beteiligt, und sei es nur zum Alibi, nimmt sie und das Publikum weiter erfolgreich für sich ein. Jede siebte Fahrt im Individualverkehr findet auf dem Fahrrad statt. Es ist an der Zeit, dass nicht nur Platzwarte — also die Kommunalverwaltungen —,  Schiedsrichter — also die Landesregierungen — und Sportverband — also die Bundesregierung —, sondern vor allem die Automobilhersteller selbst ein Einsehen haben und den Radverkehr angemessen an ihrem Spiel beteiligen. Nicht nur für fragwürdige Großprojekte, sondern da, wo es zählt: im Alltag. Denn jede siebte Fahrt im Individualverkehr findet auf dem Fahrrad statt.

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