Die Sonne scheint mir auf den Bauch …

 

12.06.2016
Easyliving

... soll sie auch!
Text: Johannes P. Reimann  |  Foto: Wokandapix

Sommer. Feierabend. Blauer Himmel, grünes Gras, erfrischendes Plätschern nebenan. Kichern und Lachen, Unterhaltungen, kindliche Freudenschreie und ein bisschen Musik weben den Soundtrack fürs Durchatmen. Meine Stadt hält nicht wirklich viele Oasen bereit, der Erholung Suchende muss für die Tiefenentspannung gefühlt einen mindestens interkontinentalen Flug in Kauf nehmen. Und doch, das kleine Glück, sozusagen das Relax to go, bietet sich oft sogar auf einem einhundert mal einhunderfünfzig Meter kleine Carré feil. So wie hier. Eingefasst von historisch bedeutsamen Überresten im Norden und im Süden und von verkehrlich bedeutsamen Bausünden im Osten und im Westen, trotzt dieses kleine Fleckchen Freiheit der ansonsten blechernen Wüstenei um uns herum einen Hauch von Lebensqualität ab.

Hier bin ich Mensch.

Und Wohlsein steckt an, verbreitet sich sozusagen per Tröpfcheninfektion über die Luft. Immer mehr Menschen strömen herbei, meist jung, manchmal älteren Semesters. Sie alle scheinen ihre Sommerabendausrüstung nach derselben inneren Ahnung zusammenzustellen, unkommentiert und ohne jemals ein Handbuch darüber gelesen zu haben. Kollektiv gelebte Freizeitkultur, verankert in der Schönwetter-DNA jedes modernen Menschen. Die Accessoires — Flip-Flops, Sonnenbrille, Sonnencreme, ein erfrischendes Getränk, manchmal Hut oder Mütze, Buch und Spielgerät — harren vermutlich das ganze Jahr über in einer schweren Seekiste direkt neben der Wohnungstür solcher Tage oder Abende wie heute, stets griffbereit und begierig darauf, den ganzen Menschen von Kopf bis Fuß auf Sonne einzustellen.

Oft mit dabei: das Fahrrad. Nirgends sonst spielt der gute alte Drahtesel seine unschlagbaren Talente so leichtfüßig aus wie hier. Ob als Lastenesel, Getränkehalter oder Schattenspender, er gehört genauso selbstverständlich in eine solche Szene wie das schwere Surren der Hummeln im geschäftigen Vorbeiflug oder wie das vielstimmige Konzert der gefiederten Freunde. Wer in der Nähe der Wasserfontäne unfreiwillig nass wurde, hängt seine Kleider zum Trocknen über die Lenkerstange. Wer Blümchen findet, kann beim Schmücken seiner Fantasie freien Lauf lassen. Und wem es an einem ausklappbaren Ständer mangelt, dem wird das treue Gefährt auch nicht übel nehmen, horizontal ins sprießende Kraut gebettet zu werden. Alles ist so unkompliziert, so unverkrampft. Easy living.

Und zwar miteinander. Jeder hier verinnerlicht die Entspannung bis in die entblößten und schon leicht sonnenverbrannten Fußspitzen. Der Platz wäre auch zu klein für Ausgrenzung und Anfeindung, unter griesgrämigem Starren oder missmutigem Schnaufen litte ja die eigene Leichtigkeit zuallererst. Dieses Fleckchen Park in seiner ganzen Enge bildet doch einen mächtigen Gegenentwurf zur allgegenwärtigen Diktatur von Beton und Asphalt. Denn es öffnet sich nach oben, enthebt die Müßiggänger dem alltäglichen Hamsterrad und weitet mit einem Seufzen des Natürlichen und des Ursprünglichen auch die Herzen.

Natürliche Bräunung

Wo das Automobil nämlich nicht sämtliche Gelassenheit schadstoffreich verbrennen und jegliche Freude lärmend überfahren kann, eben weil es dort keinen Vorrang genießt oder weil es dort erst gar nicht geduldet wird, da entstehen erquickende Oasen. Sie lassen erahnen, wie viel entspannter die Menschen in Kopenhagen durchs Leben gleiten müssen als der gemeine Deutsche in seinem stählernen Käfig. Schön, dass auch hierzulande wenigstens kleine Ausschnitte davon nicht fehlen. Da kann ein Parkhaus nicht mithalten. Überhaupt: Echte Sonne, ob die am Himmel oder die in den Gesichtern Deiner Mitmenschen, gibt’s nur an der frischen Luft. Und dorthin bringen Dich allein Deine Füße — oder das Fahrrad.

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1 Kommentar

#1von 2oom! » Zurück in die Zukunft! am 7. August 2017 um 17.04 Uhr:
[…] Menschen, die ihre inneren Kräfte entfesseln und endet längst nicht bei seiner Wirkung als Verstärker von Freude und Lebensqualität oder seinem großen gesellschaftlichen Nutzen. Wer das Fahrrad durch Technlogie smart machen […]