Die Hummel fliegt der Depression davon

 

15.02.2018
Freiheit

Das Verbot von Diesel-Pkw kann glücklicher machen — weil es erzwingt, worüber sonst bis in Ewigkeit nur debattiert würde.
Text: Johannes P. Reimann  |  Foto: Johannes P. Reimann

Ludwig Cornelius Krach winkt ab. Von Panikmache oder Verteufelung hält er nichts. »Selbstverständlich geht die Welt nicht unter, wenn das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig die Fahrverbote für alte Diesel-Pkw durchwinkt.« Das Verwaltungsgericht in Düsseldorf hatte, nach Klage durch die Deutsche Umwelthilfe, bereits vor zwei Jahren so entschieden. Mittels Revision wollte die Regierung des bevölkerungsreichsten Bundeslandes, Nordrhein-Westfalen, den Spruch daraufhin höchstrichterlich prüfen lassen. Bestätigt Leipzig das Urteil, dann sind auch andere Städte im gesamten Bundesgebiet dazu verpflichtet, Fahrverbote auszusprechen, wenn andere Maßnahmen die Belastung mit Luftschadstoffen nicht deutlich und dauerhaft unter die EU-Grenzwerte senken. Das Verwaltungsgericht in Stuttgart hatte, knapp ein Jahr nach Düsseldorf, bereits eine vergleichbare Entscheidung getroffen.

»Da spielen die Armseligen gegeneinander Mikado. Wer sich zuerst bewegt, hat verloren.«

Weniger erzürnt denn verblüfft gibt Krach sich dagegen über die vehemente Weigerung von Amts- und Würdenträgern, die Wirklichkeit zu akzeptieren. Der hochnotpeinliche Versuch der Bundespolitik, die Klage der EU-Kommission gegen Deutschland wegen der seit Jahren anhaltenden Überschreitung von Grenzwerten in letzter Sekunde abzuwenden, produziere immer fragilere Seifenblasen der Verzweiflung: Hardware-Umrüstung durch die Autohersteller, kostenlose Bus- und Bahnfahrten in den betroffenen Städten, die Einrichtung von ›Niedrig-Emissions-Zonen‹. Doch die einzig wirksame Lösung erfahre eine regelrechte Tabuisierung. »Noch immer sagen sie alle: ›Wir wollen die Gesundheit der Menschen schützen.‹ Im ersten Satzteil.« Krach schüttelt fassungslos den Kopf. »Und im zweiten Satzteil: ›Aber wir wollen keine Fahrverbote.‹ Das geht nun einmal nicht zusammen. Oder übersetzt: Sie stellen dem Fiebernden einen Ventilator ins Zimmer, aber sie verbieten ihm, Medikamente einzunehmen.«

»Wir hoffen, dass der vorliegende Plan sowie das ›Sofortprogramm Luft‹ Beweis sind für unseren Ehrgeiz, Luftverschmutzung wirksam und schnell zu verringern.«

Krach seufzt. Solche ministerialen Plattitüden seien das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben stehen. »Wir wissen erstens, dass die Verkehrspolitik in Deutschland nicht von Regierungen und Abgeordneten gestaltet, sondern von der Industrie diktiert wird. Spenden von Automobilherstellern an Regierungsparteien nach deren Intervention gegen eine Erhöhung der EU-Grenzwerte sprechen da dieselbe zynische Sprache wie ein lächerlicher Regierungs-Klimaschutzplan, der einerseits das Versagen der Vergangenheit dokumentiert und andererseits in sich zusammenfällt, sobald wesentliche Versprechen der Automobilindustrie nicht eintreten.« Zweitens sei auch klar, dass die verschiedenen staatlichen und politischen Ebenen bewusst den Stillstand förderten: indem etwa das Bundesverkehrsministerium einheitliche Regelungen zur Reduzierung von Verkehr ablehne und auf die Möglichkeit der Kommunen verweise, individuelle Verbote zu verhängen, wohingegen diese aber ihre Ohnmacht in der Sache erklärten, sollte nicht vorher eine bundeseinheitliche Regelung in Kraft treten; und indem das Bundesumweltministerium die Lösung ausschließlich in der Nachrüstung der Diesel-Pkw sehe, den schwarzen Peter also der Automobilindustrie zuschöbe, wohingegen das Bundesverkehrsministerium abwiegele, um die Industrie nicht mit Milliardenkosten zu belasten. Nicht Schutz und Sorge, sondern einzig der Fremdeinfluss bestimmter Partikularinteressen leite derzeit das staatliche Handeln. »Drittens befleißigen sich noch dazu alle Untätigen gemeinsam derselben Panikmache«, ergänzt Krach. »Nicht anders sind die gruselig gezeichneten Szenarien von der ›Enteignung des Pkw-Besitzers‹, von der ›krepierenden Wirtschaft‹ und vom ›nationalen Notstand wegen fehlender Rettungsfahrzeuge‹ aufgrund der Diesel-Fahrverbote zu lesen.«

»Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen – und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.« (Albert Einstein)

Ludwig Cornelius Krach ist es leid, in die kollektive Depression der Deutschen einzustimmen, die statt ihrem Automobil lieber die Gesundheit ihrer Kinder oder der anderen Mitmenschen opferten. »Ich könnte die Metapher von einer Sucht-Epidemie bemühen, die das behandelnde Ärzte-Kollegium aber nicht durch einen zugegebenermaßen schmerzhaften Entzug, sondern lediglich durch eine Säuberung des Drogenbestecks kurieren will. Schließlich stehen die Doktorinnen und Doktoren ja irgendwie auf der Gehaltsliste der Dealer.« Aber das wiederholte Bashing helfe ebenso wenig weiter wie die Flucht in irreale Erlösungsträume wie die Elektromobilität oder das selbstfahrende Auto. »Wir müssen endlich anfangen, unsere Energien aus der Panik vor dem veränderten Status Quo abzuziehen und sie in die realitätsnahe Vision von einer Zukunft zu investieren, die weder uns Menschen noch unsere Umwelt ausbeutet.« Man müsse kein Physiker sein, um die Frage beantworten zu können, was sich bei konstantem Versuchsaufbau und unvariierten Größen ändere: nichts.

»Aber wir Menschen haben viel mehr zu bieten als Physik. Wir können aus geschlossenen Systemen ausbrechen. Wir können gestalten.« Krach möchte deshalb aufrufen und ermutigen, die Diesel-Krise als große Chance zu betrachten. Zurück zu Kreativität und zur Selbstbestimmung, das ist sein Credo. »Nicht das, was wir verlieren, zeichnet uns Menschen aus, sondern immer das, was wir gewinnen.« Ein Fahrverbot für ältere Diesel-Pkw beispielsweise könne ungeahnte Ressourcen freisetzen, die plötzlich für moderne, schillernde und menschenfreundliche Mikrowelten zur Verfügung stünden. Neben einer deutlich besseren Atemluft berührten sie vor allem das Angebot an Fläche, das gerade in Großstädten aktuell deutlich überstrapaziert sei. Krach eröffnet eine Beispielrechnung, und seine Augen funkeln jetzt vor Begeisterung. Unter der Annahme, dass bis zu siebzig Prozent des Bestandes an Diesel-Pkw von Fahrverboten betroffen sein könnten, ergäben sich riesige neue Freiräume. »In Hamburg tauchten mit einem Mal 149 Hektar Fläche wieder auf, die ansonsten im für 24 Stunden am Tag unter besagten Diesel-Pkw begraben lagen. Münchenerinen und Münchener könnten sich über 168 Hektar zusätzlicher Fläche freuen und die Menschen in Berlin sogar über 173 Hektar.« Krach kommt jetzt richtig in Fahrt: »Das ergäbe in den genannten Städten zwischen 15.000 und 17.000 zusätzliche Spielplätze in einer komfortablen Größe von einhundert Quadratmetern — oder sogar:« Krach reckt triumphierend den Zeigefinger in die Höhe: »zwischen 1,9 und 2,2 Millionen Stellplätze für Fahrräder!« Denn auf der Fläche eines durchschnittlichen Pkw fänden bis zu zehn Fahrräder Platz. Zack! Das Problem mit dem wohnungsnahen Fahrradparken auf einen Schlag gelöst, im selben Atemzug Luftschadstoffe abgebaut; von der Verringerung des Verkehrslärms, mitschuldig an des Deutschen Todesursache Nummer eins, dem Herzinfarkt, ganz zu schweigen. Von Weltuntergang könne da nun wirklich keinerlei Rede sein.

»Alle sagten: Es geht nicht. Doch dann kam einer, der das nicht wusste, und tat es einfach.« (Goran Kikic)

Einziges Manko: Erst ein Richterspruch müsse diejenigen, die eigentlich einen ehrwürdigen Eid auf den Schutz und das Wohl der Gemeinschaft leisteten, nun dazu verdonnern, solches Glück in Gang zu setzen. »Das schmeckt dann natürlich wieder nach Unfreiwilligkeit, nach verordnetem Verzicht und deshalb nach Opferrolle.« Mit Reaktanz, also anhaltenden Trotzreaktionen gegen die Entscheidung und ihre Auswirkungen, sei zu rechnen. »Kaum eine andere Bevölkerung auf dem Globus beschneidet sich von vornherein selbst in diesem hohen Maß. Ich würde mir wünschen, dass wir alle den Kopf endlich freibekommen und nicht von null an in Zwängen denken, sondern in Möglichkeiten. Wo bleiben unser Erfindergeist, unsere Schaffenskraft, unsere Leidenschaft?« Die Geschichten von Optimisten seien noch immer rar gesät, aber bei weitem nicht ausgestorben. Sie zu erzählen, zu verbreiten, darin sieht Krach die wahre Herausforderung. Nicht als abtörnende Sammlungen technokratischer Listen, kleinkarierter Zusammenhänge oder undurchdringbarer Daten, sondern als »begeisterndes Narrativ der Lebensfreude. Wohin es führt, wenn niemand sich traut, solche Geschichten zu erzählen, lässt sich ganz brandaktuell an den führenden politischen Parteien in unserem Land ablesen. Ihr Niedergang ist hausgemacht.«

Es spiele keine Rolle, ob die Hummel theoretisch gar nicht fliegen könne, wie Jahrzehnte lang behauptet worden sei, oder ob sie, wie die neueren Erkenntnisse zeigten, doch alle Voraussetzungen dafür mitbringe: »Hauptsache, sie fliegt!«, erklärt Krach im Brustton der Überzeugung, »Sie zergrübelt ihr Potenzial nicht und sie bleibt auch nicht einfach aus Furcht vor Einspruch sitzen. Depressionen haben bei ihr keine Chance.« Wenn Städte einerseits also ständig den Kampf um das knappe Gut Straße beschwörten, andererseits diese immense Gelegenheit, die neu zu gewinnenden Freiheiten fruchtbar zu machen, aber ungenutzt liegen ließen, deute das nicht nur auf ein Verkehrsproblem hin, sondern eben auch auf einen Mangel an mentaler Mobilität — mithin ganz einfach fehlende geistige Beweglichkeit. »Die Sehnsucht der Menschen nach einem intakten und lebenswerten Nahumfeld steht dem Zug der Hummel zum Nektar an Stärke keineswegs nach. Aber Automobilität sediert und verzerrt den Blick, gerade auch auf die eigenen Kräfte.« Ein Fahrverbot für hunderttausende Diesel-Pkw biete genau das, was die Hummel in jedem Menschen gerade jetzt dringend benötige: »Platz zum Fliegen! Dann werden wir ganz automatisch die panische Verbissenheit los und alles Weitere wendet sich für die Menschen zu Guten.« Deshalb hofft Ludwig Cornelius Krach, dass die Gerichte schneller und härter urteilen, als die Industrielobby ihr Insektizid in Stellung bringen kann. »Nach spätestens einem Jahr in der Luft werden wir nicht mehr zum früheren Zustand zurückkehren wollen. Und genau darauf freue ich mich!«

Der Charakter Ludwig Cornelius Krach ist fiktiv und keinem realen Vorbild nachempfunden. Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten ergeben, sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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