Die Dinge singen hör‘ ich so gern

 

26.02.2017
Jubiläum

Eine Botschaft, so stark wie das Fahrrad selbst: Naidoo und Co. servieren guten Stoff — zumindest denen, die sich darauf einlassen wollen.
Text: Johannes P. Reimann  |  Foto: Söhne Mannheims

Klar. Ohne Mühe ließen sich einige Schwächen dieses Clips bloßlegen. Oder zumindest kritische Fragen stellen an Song und Video. Etwa, ob es für ein immerhin weltweit bedeutsames Jubiläum wirklich der Mannemer Mundart bedurfte; weshalb gestandene Musiker wie die Söhne Mannheims sich ausgerechnet bei einer solchen Arbeit auf ein sagenhaft mageres musikalisches Spektrum von lediglich drei Akkorden beschränken; wie es gleichzeitig angehen kann, dass ihre Wortkunst — »Der Tambora, 1815, ist ausgebrochen, ja so war’s.« — eher in der Sphäre eines Wolfgang Petry denn eines Rainer Maria Rilke siedelt; und, ja, schließlich auch, wem da einfiel, sämtliche Radfahrten der beiden Protagonisten abseits des pulsierenden städtischen Lebens stattfinden zu lassen, einsam und auf Fußgängerflächen, noch dazu inmitten einer äußerst unattraktiven Jahreszeit. Als ultimative Metapher saugt dann die finale Szene allen Zweifel in sich auf und kulminiert in der zerstörerischen Detonation des Absurden: Vogelflug über eine vierstreifige Bundesstraße, um an einer kruden Metallplastik hängenzubleiben, die nur mit viel Schmerztoleranz überhaupt eine Assoziation mit dem Thema zulässt. Eine sicherlich gut gemeinte Unternehmung demontiert sich in letzter Konsequenz selbst. Quod erat demonstrandum: Für ernsthafte Kritik an der Sache müsste kein Autor seinen Stil erbrechen und in Political-Correctness-Alarmismus gegen einen der beteiligten Künstler verfallen. Und doch: »Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich aus.«

Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort.

Denn wer bereit ist, Tarnmäntelchen und Kneifzange abzulegen, also die typischen Attribute des heimtückischen Spielverderbers von Amts wegen, der darf seinen Augen und Ohren anschließend sehr wohl trauen. Das Werk funktioniert. Und zwar ziemlich gut. Denn es erzählt die Geschichte zweier Menschen und ihrer Verbindung zueinander. Vater und Sohn teilen eine gemeinsame Hoffnung, eine gemeinsame Leidenschaft: das Fahrrad. Beinahe episch widmet sich das Bewegtbild zunächst dem Werden. In einer Fahrradwerkstatt entdecken die beiden ein scheinbar angestaubtes, vergessenes Einzelteil nach dem anderen: den Lenker, den Sattel, den Rahmen, die Lampe und alles, was eben zu einem — verkehrstauglichen — Drahtesel dazugehört. Das Leuchten in den Augen des Jungen wird stärker und stärker. Faszination, Vorfreude und auch ein bisschen Stolz, als er mit seinem fertigen Fahrrad posiert. Das Glück erreicht Vollkommenheit in dem Moment, als der Vater sein eigenes Fahrrad hervorholt und damit feststeht: Jetzt geht es gemeinsam in die Welt hinaus. Raumgreifend und beschwingt erobern Vater und Sohn dann die Stadt und gelangen schließlich an den Gedenkstein des Karl Freiherr von Drais. Der Clip schließt, aber der Zuschauer darf sicher sein: Die große Fahrt hat gerade erst begonnen.

Ein bisschen Faust, ein bisschen Alice im Wunderland: Da spielt sich zunächst alles in der ›kleinen Welt‹ ab, in den Schutz und Muße bietenden Wänden der Fahrradwerkstatt, die doch eine reiche Fülle beinahe magischer Gegenstände bereithält. All die Teile, die dort fein säuberlich liegen, stehen, hängen, sich stapeln — man möchte die Ohren spitzen und ihrem weisen Flüstern lauschen, mit dem sie von Hingabe erzählen und von konzentrierter Tüftelei, sich über Eitelkeit und Selbstzweck wundern und einen Lobgesang auf das Dienen anstimmen. Diese Werkstatt — das wird schon klar, als Vater und Sohn, nachdem sie die Zauberklingel betätigt haben, das große und mit mechanischer Kunstfertigkeit bewehrte Portal hinein in eine andere Dimension durchschreiten — ja, diese Werkstatt birgt, einer fantastischen Schatzhöhle gleich, ein großartiges Geheimnis. Doch das kann nur entdecken, wer Facebook, Twitter und jeglichen Selfiewahn draußen lässt und sich selbst ganz in den Moment hineinsenkt. Ihm offenbart sich dann aber nicht weniger als die eigentliche Wahrheit des Fahrrads: Es führt den Menschen zu sich selbst und zueinander. Staunend lässt der Knabe sich in die Mysterien der Fahrradmechanik einweisen; sein Vater nimmt sich dafür alle Zeit der Welt, vermittelt ihm voller Geduld noch jedes Detail, lässt sich nicht von Sportnachrichten, Telefonanrufen oder WhatsApp ablenken. Der unausgesprochene, liebevolle Pakt zwischen beiden ist beinahe mit Händen zu greifen: Wir verharren nicht eher, als bis wir gemeinsam dieses Fahrrad fertig gestellt, perfektioniert haben. Welch eine kraftvolle Entscheidung in Zeiten von On-Demand-Lieferdiensten und Wegwerfbeziehungen.

Wenn die, so singen oder küssen, mehr als die Tiefgelehrten wissen …

Leben zu teilen kann so einfach und so erfüllend sein. Da zelebrieren zwei mit allem Eifer das Glück auf zwei Rädern. Mehr Symbol geht kaum. Die kluge Wahl der Regie, das gesamte Video in Zeitlupe geschehen zu lassen, bringt den vollen Reichtum dieser Minuten und Stunden ans Licht, die der Mainstream in zynischer und funktionalistischer Weise wohl eher als ›Quality Time‹ titulieren würden. Schöner formuliert es da ein Zitat aus dem Kinofilm ›Star Trek — Der Aufstand‹: »Hatten Sie schon einmal das Gefühl, einen perfekten Moment zu erleben? […] Als wäre die Zeit stehengeblieben und fast ihr ganzes Leben fände in diesem einen Moment statt.« Dazu passen auch die kleinen Erinnerungsbruchstücke, die jeweils als Film im Film stilsicher in den Bilderrahmen untergebracht sind, an denen die Kamera vorbeischreitet. Szenen aus frühester Kindheit, aus der Jugend, aus der Zeit des Sturm und Drang verleihen immer wieder die Gewissheit: Dein Fahrrad begleitet Dich, wenn Du es willst, sogar ein Leben lang. Es ist nicht Mittelpunkt, aber Zeuge Deiner Lebensereignisse, verhilft Dir zur Reife, macht Dich unabhängig, lehrt Dich, Deine Entscheidungen selbst zu treffen. Dich nicht leben zu lassen, sondern zu leben. Aber Du selbst bist es, der Richtung und Geschwindigkeit bestimmt, die wesentliche Wahl trifft zwischen Stehenbleiben und Vorankommen.

Dem Video gelingt es, einen Hauch der Poesie zu entfalten, die nicht dem Fahrrad, sondern dem Menschen innewohnt; der das Fahrrad als treues Gefährt aber immer wieder selbstlos zur Geltung verhelfen will. ›Willst Du mich begleiten?‹ Die titelgebende Frage richtet sich sowohl an den Menschen als auch an das Hilfsmittel. Jenseits jedes Narzissmus‘ und weit entfernt vom Bestreben, alles zu funktionalisieren und der rein oberflächlichen Erfassbarkeit den inneren Zauber zu opfern, erzählen kluge Köpfe hier eine wärmende Geschichte mit dem Herzen — und stoßen dabei nicht auf innovative, digitale und elektrische Illusionen, sondern ganz einfach auf andere Herzen. Um gemeinsam ›die Dinge singen‹ zu hören. Romantik? Kitsch? Wie auch immer: Damit endlich das ›ganze verkehrte Wesen‹ fortfliegt, das die starke Botschaft des Fahrrads noch immer zu häufig als Geisel hält, braucht es noch viele weitere Lieder in allen Dingen. Die Söhne Mannheims indes entdecken, pünktlich zum Jubiläum, eins davon und entführen damit das Publikum wenigstens für ein paar Minuten in die Weite.

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#1von 2oom! » Zurück in die Zukunft! am 5. August 2017 um 17.15 Uhr:
[…] Menschen dient und dessen Potenziale freisetzt. Das beginnt damit, das mechanische System Fahrrad selbst verstehen und gestalten zu können, führt über das Entfesseln der inneren Kräfte jeder Person und endet längst nicht bei seinem […]