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Das Märchen von den zottigen Zackenmützen

 

10.03.2017
Luftreinheit

Ganz großes Kino: Die gekünstelte Verzweiflung im Kampf gegen den Feinstaub taugt längst zur Heldensage.
Text: Johannes P. Reimann  |  Foto: The Hilary Clark

Es waren einmal zwei Dörfer. Nennen wir sie einfach Rillaviba und Rillabajo. Denn sie lagen ja nicht in Spanien. Sie lagen auch nicht nebeneinander, genau genommen nicht einmal im selben Land. Während Rillabajo sich damit brüstete, die Kapitale einer — zugegebenermaßen abgelegenen — Provinz in Absurdistan zu sein, zeigte Rillaviba als unbedeutende Gemeinde in Normalesien sich jeden Tag dankbar dafür, dass seine Bürgerinnen und Bürger gesund blieben, genug zu essen hatten und arbeiten konnten. Doch, auch wenn die beiden Ortschaften im Grunde gar nichts voneinander zu wissen brauchten, verband sie vieles miteinander. Sie verfügten über gleich viele Einwohner und ungefähr denselben Reichtum an Bodenschätzen, waren ungefähr gleich groß und sehr ähnlich strukturiert. Sie teilten sogar dieselben Leidenschaften: Feste feiern, Paella zubereiten und überdimensionierte Pfannen schrubben. Nur im Detail unterschieden sie sich von Zeit zu Zeit, beispielsweise in der Wahl des Spülmittels.

So hatten Sie eine sehr ähnliche Entwicklung genommen und jeweils die beste aller Zeiten erlebt. Weil alle glaubten, immer schneller werden zu müssen, obwohl die Sonne über Jahrtausende hinweg ihren Rhythmus beibehalten hatte und auf beide Dörfer konstant herabschien, hielt eines Tages die Höllenmaschine Einzug: in Rillaviba die von Renault, in Rillabajo die von VW; hier zeigte sich wieder der Unterschied zwischen beiden Gemeinden im Detail. Weil aber immer mehr und immer größere und immer schnellere Höllenmaschinen die Straßen und Plätze und Häuser und Parks und Spielstraßen eroberten und bald das ganze Leben vor der Haustür verstopften, bauten die Bürgermeister von Rillaviba und Rillabajo neue und breitere Straßen. Wenn die Höllenmaschinen sich weiter vermehrten, konnte man ja weitere neue und breitere Straßen bauen. Eine Zeitlang ging alles gut. Doch eines Tages, ungefähr zum selben Zeitpunkt, begannen die Einwohner beider Dörfer schwer zu atmen, bald zu husten und schließlich zu sterben; allen voran Kinder und Ältere, aber auch ganz normale, Geld erwirtschaftende Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder chronischer Erkrankung. Die beiden Bürgermeister schlossen fest die Augen und murmelten immer wieder eine Wunschformel, dass diese überraschende und unverdiente Gottesplage sie schon am nächsten Tag wieder verlassen möge. Als schließlich sogar Menschen starben, die als Leistungsträger bekannt gewesen waren und die größten Geldsummen erzeugt oder am meisten politischen Eindruck hinterlassen hatten, half auch alles Wünschen nichts mehr. Rillaviba und Rillabajo hatten ein Problem.

Das ist Magie!

Nun trug es sich zu, dass in diesen Tagen ein Prophet in einer kleinen Herberge in Rillabajo einkehrte. Nennen wir ihn Dieter. Dass es sich bei ihm um einen Propheten handelte, konnte man daran erkennen, dass er einen sehr weiten Kapuzenmantel trug, einen mächtigen, verzierten Wanderstab in der Hand hielt und unablässig etwas Unverständliches vor sich hin murmelte. Der Bürgermeister von Rillabajo erfuhr von dem Propheten und eilte zu ihm, ihn um Rat zu fragen. »Wer stört mein Abendessen?!«, knurrte der Prophet Dieter. Der Bürgermeister fiel vor ihm auf die Knie, schilderte die Lage und flehte den Propheten Dieter um Hilfe an. »Wohlan«, sagte der, »wie es der Zufall will, komme ich auf meiner Studienreise geradewegs aus der legendären Stadt Schilda, deren Bürger noch jede der ihnen gestellten Aufgaben mit Bravour gelöst haben. Ruft Eure Männer und Frauen auf dem Marktplatz zusammen und lasst mich zu ihnen sprechen.« Gesagt, getan. Zuerst ließ der Prophet Dieter seinen stahlharten Blick schweigend durch die Menge der Beunruhigten kreisen. Erst als das Gemurmel im Volk deutlich anschwoll, streckte er seine Hand in den Himmel — und augenblicklich herrschte Stille. Er hob zu sprechen an: »Männer und Frauen dieses bezaubernden Ortes, ich habe die ganze Welt bereist und auf meinen Wegen so viel Wissen gesammelt, wie es drei Eurer Dorfältesten nicht aus allen Büchern Eurer Bibliothek gewinnen könnten. Ich habe seltsame Orte gesehen, bin durch verwunschene Wälder geschritten und habe mystische Kräfte kennengelernt. Ich habe Feinde besiegt und Freundschaften geschlossen.« Die Menge hing gebannt an seinen Lippen. Keiner muckste sich. Der Prophet Dieter machte eine Geste, als wolle er den Erdball aus den Angeln heben. Seine Stimme gewann an Kraft, wie bei einer Beschwörung. »Diese meine Weisheit, meine Macht und meine Bündnisse sollen Euch nun zum Vorteil gereichen. Wenn Ihr mich darum bittet, will ich um euretwillen ein geheimes Volk anrufen, dessen Millionen kleiner Helfer Euer Problem geräuschlos beseitigen werden, wie es einst die Heinzelmännchen in Köln am Rhein so fleißig taten.« Ein Raunen ging durch das Publikum und die ersten begannen zu klatschen. Doch mit einem zackigen Schlag durch die Luft schnitt der Prophet Dieter jäh den Jubel ab. Nun flüsterte er nur noch, zwar leise, aber bedrohlich: »Ich wünsche dafür keinen Dank. Aber ich muss Euch warnen: Lasst Euch nicht von Eurer Neugier verführen. Denn die zottigen Zackenmützen, diese fleißigen kleinen Retter, sind sehr scheu. Solltet Ihr ihnen bei der Arbeit zuschauen wollen, werden sie Euch verlassen und Euer Problem wird das ganze Dorf ausrotten.« Es gab einen Knall und als die Wolke aus schwefeligem Rauch sich verzogen hatte, war der Prophet Dieter verschwunden.

Beeindruckt gingen die Bürgerinnen und Bürger von Rillabajo nachhause und begaben sich zu Bett. Als sie am nächsten Morgen erwachten und auf die Straße traten, hingen an allen Hauswänden und sonstigen senkrechten Flächen riesige, pelzige Teppiche in frischem Steingrau. Die weite Landschaft, die aussah, als wäre sie die Heimat eines Schwammkopfes, lag friedlich da, nur vereinzelt unterbrochen vom übertrieben neonen Werbeaufkleber einer Vertikalbegrünungsfirma, und verrichtete brav ihre Aufgabe. Der Bürgermeister rief noch einmal alle Bürgerinnen und Bürger zusammen und schärfte ihnen ein, sich unbedingt nach der Warnung des Propheten zu richten und die Kolonien der Zackenmützen nicht zu stören. Der Plan ging auf: Die Luft in Rillabajo kehrte so schnell wieder zu alter Frische zurück, dass der Bürgermeister nicht lange zögerte und weitere neue und breitere Straßen bauen ließ. Noch mehr Höllenmaschinen eroberten das Dorf. Doch auch die Zackenmützen breiteten sich aus. Die Luftqualität besserte sich. Noch mehr Höllenmaschinen fielen über Rillabajo her. Bald waren alle Flächen belegt: Dächer, Hänge, Wände, Fenster, Werbeschilder, Kirchenfassaden, Balkone, Gasometer, Fabrikhallen, Zelte, Dixi-Toilettenhäuschen, Bushaltestellen, Sportstadien innen und außen, Geldautomaten und Briefkästen. Nirgends gab es mehr Platz für noch mehr Zackenmützen. Hubschrauber flogen große Teppiche dieses Mooses durch die Gegend, erst wenige, dann viele. Man musste sich vorkommen wie im Belagerungszustand. Doch es half nichts. Ein Ingenieur kam schließlich auf die Idee, die Zackenmützen auch auf Fuß- und Radwegen anzusiedeln. Um noch mehr Fläche zu gewinnen, wurden außerdem alle Straßen überdacht. Das sparte zusätzlich Kosten für die Waschanlage, denn die Höllenmaschinen fuhren jetzt von den Parkplätzen oder der Garage bis zum Ziel, ohne auch nur eine Sekunde lang dem Wetter ausgesetzt zu sein. Der Bürgermeister von Rillabajo, immerhin der Kapitale einer Provinz in Absurdistan, war stolz auf das, was man dort erreicht hatte. Doch: Immer mehr Einwohner konnten nun nicht mehr vor die Tür treten, denn es fand sich kein einziger freier Meter mehr, außer für Höllenmaschinen und Zackenmützen. Also versauerten sie vor dem Fernseher und starben früh, auch ohne schweres Atmen. Das half da nur ein bisschen nach.

Ein Ding, sie zu knechten

Auch der Bürgermeister von Rillaviba suchte den Propheten auf, sobald er von seiner Ankunft erfuhr. Denn der hatte, weil er gerne noch viel mehr Menschen sein unerschöpfliches Wissen zuteilwerden lassen wollte, sich aus Rillabajo hinaus- und direkt vor die Tore von Rillaviba gebeamt. Den Einzug hielt er selbstverständlich zu Fuß, sichtbar gebeugt von den Erlebnissen und der Weisheit, die ein solch legendärer Prophet nun einmal zu schultern hat, in sich gekehrt und vor sich hin murmelnd. Dem Bürgermeister von Rillaviba versprach er dasselbe wie dem in Rillabajo. So zog er auch hier dieselbe Show ab. Als er mit dem Knall eines billigen Chinaböllers verpufft war, blinzelte die Tochter des Bürgermeisters drei Mal. Sie hatte, wie alle anderen auch, mit großen Augen und weit offenem Mund gelauscht. Sie zählte erst fünf Lenze, deshalb wusste sie, wie es Kinder dieses Alters nun einmal von Natur aus nicht vermögen, ihre Neugier nicht im Zaum zu halten, räusperte sich und fragte, ihren Vater zärtlich am Arm ruckelnd: »Duhu, Papi …« Weil es auf dem Marktplatz nach des Propheten Dieters Auftritt so still geblieben war, dass man hätte eine Stecknadel fallen hören können, durchschnitt ihr dünnes Stimmchen die Nacht. Der Bürgermeister erschrak, dann erwiderte er, halb verärgert ob der Störung seiner Andacht: »Jetzt nicht, meine Kleine.« Doch die Tochter ließ sich nicht beirren. »Können denn die Zuckenmätzchen … ähm … ähm … Mackenzüttchen … ähm …« »Zackenmützen!«, half ihr der Vater widerwillig weiter. »Genau! Können die denn auch machen, dass Oma wieder lebt?« Ihre Großmutter war von einer eiligen, gestressten Diva in einem SUV auf einem Fußgängerweg über den Haufen gefahren worden. »Und auch, dass Herr Nielsson von nebenan keine Herztropfen mehr braucht?« Der Nachbar hatte, weil sein Schlafzimmer zur Hauptstraße lag, bisher drei Herzinfarkte erlitten, obwohl er regelmäßig Sport trieb, sich gesund ernährte und erst 40 Jahre alt war. »Und«, trumpfte das kleine Mädchen mit einem Übermut auf, der nur der Neugier einer Fünfjährigen entspringen kann, »dass Huck und ich wieder auf der Straße spielen dürfen?« Ihrem Bruder und ihr war erst vor wenigen Wochen der Aufenthalt vor ihrer Haustür verboten worden, weil Stellplätze benötigt wurden. »Und, dass Mama wieder Tische und Stühle nach draußen stellen kann, wenn die Sonne scheint.« Als Inhaberin eines kleinen Cafés hatte ihre Mutter sich gezwungen gesehen, wegen Lärm, Abgasen und Unfallgefahr die Außenterrasse für immer zu schließen.

Da fiel es dem Bürgermeister wie Schuppen aus den Haaren. Da er für sein Alter noch ein sehr volles Haupthaar sein Eigen nennen durfte, fiel da so einiges. Er fasste sich ein Herz, wandte sich an sein Volk und sprach: »Freunde, Mitbewohner, Wählerinnen und Wähler. Das Problem ist nicht die schlechte Luft. Das Problem sind die Höllenmaschinen. Wir werden so viele Zackenmützen um Hilfe bitten können, wie wir wollen. Solange wir nicht aufhören, die Höllenmaschinen zu benutzen, werden unsere Leiden nicht verschwinden. Das wäre der reinste Aberglaube.« Die Menge erschrak. Gemurmel entstand, Diskussionen entbrannten. Vereinzelt rief jemand laut über den ganzen Platz: »Wir lassen uns unseren Wohlstand nicht von der Realität kaputtmachen!«, oder »Was sollen wir denn sonst benutzen?«, oder »Es ist so, wie es ist, das können wir jetzt auch nicht mehr ändern!«, oder »Aber jeder siebte Arbeitsplatz hängt an den Höllenmaschinen!« Schon griffen die ersten Bürgerinnen und Bürger im Geiste zu den Mistgabeln, um ihr verfehltes Gemeindeoberhaupt samt seiner Alten und der vorlauten Göre davonzujagen. Da sagte plötzlich einer: »Mir war das mit der Höllenmaschine sowieso viel zu teuer. Das rechnet man ja gar nicht nach und zack, gehen mehrere Monatsgehälter für das Ding drauf.« Und eine modisch gekleidete Frau stimmte ein: »Also ich sitze sowieso lieber in einem Café. In der Höllenmaschine werde ich ja gar nicht bewundert.« Und ein flaumbärtiger Halbwüchsiger mit ungewaschenen langen Haaren erklärte, indem er auf sein Smartphone deutete: »Japp, meinen Sound habe ich eh immer dabei. Dafür brauche ich keine zwei Tonnen Stahl rund rum.« Ein dürrer Schlaks mit dicker Brille blickte erst sehr konzentriert drein, dann reckte er seinen Finger in die Luft und rief: »Ich hab’s! Wenn ich nicht einen großen Laden irgendwo am Stadtrand betreibe, sondern viele kleine, überall dort, wo man lebt und Zeit verbringt, muss auch niemand mehr die Höllenmaschine zum Einkaufen nutzen.« Erste Rufe der Begeisterung erklangen. Der Schmied, der stets auf seinen Nimbus als Ewiggestriger achtete und eine kultivierte Griesgrämigkeit pflegte, fand eine Spur Humor wieder und wollte sich einen Scherz erlauben. Mit geballter Faust stieß er trotzig den alten Drahtesel, mit dem er aus Stilgründen zum Marktplatz gekommen war, in die Höhe und rief unter Einsatz des gesamten Lungenvolumens seiner mächtigen Brust: »Geeeenau! Und wenn wir ab und zu mal weiter weg müssen als nur fünf Schritte, dann tut es ja auch das gute alte Vélo!« Verblüfftes Schweigen. Dann zustimmende Schreie. Dann lauter Jubel. Es hatte sich eine Critical Mass gefunden.

Happy End

Von nun an wurden Straßen aufgerissen und zu Boulevards und Plazas gepflastert, alle wichtigen Geschäfte und Einrichtungen wieder mitten ins Zentrum geholt; die Kinder bekamen jede Menge Platz zum Spielen und für das Dorfgrün wählten die Bürgerinnen und Bürger neben Gras und Bäumen auch viele essbare Pflanzen. Auch das berüchtigte Zackenmützenmoos erhielt hier und da ein Fleckchen, aber nur, um niemanden auszuschließen. Immer, wenn ein Stückchen solchen Teppichs irgendwo angebracht wurde, meinten die Handwerker, jemanden mit der Stimme des Propheten Dieter aus weiter Ferne »Scheiße noch mal, verflucht!« rufen zu hören. Dann wedelten sie dieses Gespinst wie eine lästige Fliege weg und gingen weiter ihrer Arbeit nach. Den Propheten hat man in Rillaviba nie mehr gesehen. Doch die Einwohner dieser unbedeutenden Gemeinde in Normalesien störten sich nicht weiter daran. Sie hatten jetzt besseres zu tun: nämlich ausgiebig zu leben. Und während Rillaviba schon frei atmen konnte, wurde in Rillabajo noch gehustet. Und gestorben. Bis heute.

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